Patriarchat zerschlagen: 300 Antifaschist*innen starteten kämpferisch in den 1. Mai (Bericht und Redebeiträge)

Auch in diesem Jahr haben wir zur antifaschistischen Vorabenddemo in Heidelberg aufgerufen. Unter dem Motto „Patriarchat zerschlagen! Antifaschistisch, intersektional, international!“ folgten am 30. April 2025 rund 300 Antifaschist*innen unserem Aufruf und brachten linke und feministische Inhalte auf Heidelbergs Straßen. Die Redebeiträge der aufrufenden Gruppen AIHD, Seebrücke Heidelberg, linksjugend [’solid] Heidelberg, ROSA und Falken Heidelberg beleuchteten, warum unser Kampf gegen das Patriarchat antifaschistisch, intersektional und international ist. Die VVN BdA Heidelberg erinnerte unterwegs an die Antifaschistin und Widerstandskämpferin Sophie Berlinghof, zu deren Gedenken bald ein Platz in Heidelberg umbenannt wird.

Die alljährliche antifaschistische Vorabenddemo in Heidelberg am 30. April hat langjährige Tradition. Bis zum Jahr 1997 missbrauchten Studentenverbindungen den Abend, um mit Fackeln und Degen gemeinsam mit organisierten Neonazis durch die Stadt zu ziehen und um Mitternacht auf dem Marktplatz rechte Lieder zu singen. Im Rahmen des Burschiaufmarsches kam es regelmäßig zu rassistischen Übergriffen. Seit den 1980ern wurde der Widerstand gegen das braune Treiben so groß, dass der Fackelmarsch nur noch unter enormen Polizeischutz stattfinden konnte. Nach einer Demo der Autonomen Antifa Heidelberg im Jahr 1997 fanden sich 1000 Antifaschist*innen auf dem Marktplatz ein und verhinderten das rechte Maiansingen zum ersten Mal komplett. Seitdem halten linke und antifaschistische Gruppen am 30. April Heidelberg burschifrei.

Angeführt von einem kämpferischen FLINTA*-Block zogen wir dieses Jahr von der Stadtbücherei durch die Hauptstraße bis zum Karlsplatz, wo wir zum Abschluss nochmal einige Parolen Richtung Burschenschaften und Studentenverbindungen geschickt haben. Polizei und die Burschis der Allemannia hielten es für notwendig, während unserer Kundgebung das Allemannenhaus zu bewachen. Die Turnerschaft Ghibellinia zu Heidelberg machte unsere Anwesenheit ebenfalls nervös, sodass sie schnell alle Fensterläden verriegelte. Das ist gut so – reaktionäre Männerbünde sollen sich in unserer Stadt nicht wohl fühlen!

Die Redebeiträge dokumentieren wir im Folgenden:

Rede der AIHD

Seit über 100 Jahren wird der 1. Mai als Arbeiter*innenkampftag begangen. Weltweit gehen Menschen für linke Gegenentwürfe und einen revolutionären Umsturz der ausbeuterischen und unterdrückerischen kapitalistischen Verhältnisse auf die Straße. Bis 1997 wurde dieser Anlass in Heidelberg von sexistischen und rassistischen Studentenverbindungen missbraucht: Jedes Jahr trugen sie am 30. April um Mitternacht ihr reaktionäres Weltbild mit Fackelmärschen und dem Trällern rechter Lieder auf dem Marktplatz in den öffentlichen Raum. Vor 28 Jahren wurde dies erstmals von der Autonomen Antifa Heidelberg verhindert; ab 1998 gab es unter dem Motto „Marktplatz links“ abendliche Straßenfeste, Demos, Kundgebungen, Infoveranstaltungen. Seither halten Antifaschist*innen am 30. April die Stadt also burschifrei.

In dieser Tradition rufen wir auch dieses Jahr zur antifaschistischen Vorabenddemo auf und sagen misogynen Männerbünden den Kampf an. Männerbünde, die einst über die Burschenschaftlichen Blätter ihren Ausschluss von Frauen so begründet haben: „Die menschliche Weltordnung ist auf das Männliche ausgerichtet.“ Diesem Credo folgend, verfestigen alle Studentenverbindungen zum einen die reale Männerdominanz in den gesellschaftlichen Eliten; zum anderen verhindern sie das Aufbrechen von Geschlechterstereotypen, zementieren das ewiggestrige Geschlechterbild. Einige Burschenschaften haben sowieso schon von Beginn an eine faschistische Ausrichtung, sind aktiv in nazistische Strukturen eingebunden.

Und Faschismus, als Ideologie, in Parteiförmigkeit, als Massenbewegung oder zu terroristischem Herrschaftssystem verdichtet, bringt – ganz im männerbündischen Sinne – immer ein reaktionäres und binäres Rollenbild der Geschlechter mit sich. Dieses Rollenbild degradiert die Frau zur Mutter, deren Rolle es ist, Kinder zu gebären – zur Erhaltung „des Volks“. Es drängt Frauen in das Häusliche zurück, wo sie Care-Arbeit für Kinder und Mann zu leisten haben, statt ein selbstbestimmtes Leben zu leben. Revolutionärer Antifaschismus muss immer auch an diesem Punkt ansetzen; sonst gerät eine der tragenden Säulen aus dem Blickfeld emanzipatorischen Engagements, auf denen an die staatliche Macht gekommene Faschismen ihre Fundamente gesellschaftsdurchdringend stabilisieren.

Deshalb schlug Clara Zetkin 1910 auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz einen internationalen Frauentag vor, der später auf den 8. März festgelegt wurde. Der Tag, der noch heute feministischer Kampftag für uns ist, geht auf eine Initiative sozialistischer Organisationen für Gleichberechtigung, Frauenwahlrecht und Emanzipation der Arbeiterinnen zurück. 1918 wurde das Frauenwahlrecht in der Weimarer Verfassung verankert. Mit der Machtübernahme der Nazis in Deutschland wurden die Errungenschaften der ersten Welle des Feminismus, wie beispielsweise das Wahlrecht oder das Recht, höhere Berufe auszuüben, wieder rückgängig gemacht.

TINA*-Personen existieren für Faschist*innen schlichtweg nicht. Viele TINA*-Personen wurden im NS verfolgt und im Holocaust ermordet.

In den 1960er-Jahren erstarkte die feministische Bewegung in Deutschland wieder. Seitdem haben die zweite und dritte Welle des Feminismus immer weitere Rechte für FLINTA*-Personen erkämpft. Rechte Akteur*innen wie beispielsweise die AfD, die in ihren Reihen viele Burschenschafter hat, wollen dies erneut rückgängig machen und sprechen von einer Rückkehr zur „traditionellen Frau“ oder von der „traditionellen Familie“. Sie leugnen wissenschaftliche Fakten wie den Gender Pay Gap oder die Existenz von Geschlechtsidentitäten, die nicht in das binäre Konstrukt passen. Rechte fordern „eine höhere Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung“ (so steht es wörtlich im Grundsatzprogramm der AfD), was dunkle Erinnerungen an Auszeichnungen wie das Mutterkreuz der NSDAP weckt. Und dass radikal Rechte an den direkten Schalthebeln politischer Herrschaftssysteme immer eine konkrete Gefahr für FLINTA*-Personen darstellen, beweisen die Beispiele USA, Ungarn und Argentinien, wo Antifeminismus jeweils zur Staatsdoktrin geworden ist.

Dass sich Antifeminismus breitmacht, wenn rechte Kräfte erstarken, zeigt sich auch hierzulande: Es war kein Zufall, dass die Abschaffung oder zumindest Reform des § 218, die vor wenigen Monaten in greifbarer Nähe schien, von CDU/CSU blockiert wurde, um im AfD-Lager um Stimmen zu werben. Das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper ist deshalb für Schwangere bis heute eine ferne Utopie.

Und noch viel mehr steigt die Bedrohung für TINA*-Personen: Nicht nur aus der AfD, sondern auch aus anderen Parteien mehren sich queer- und transfeindliche Stellungnahmen. Dass der erste CSD des Jahres 2025, der am vergangenen Wochenende in Schönebeck in Sachsen-Anhalt stattfinden sollte, von Polizei und Ordnungsamt abgebrochen und verboten wurde, macht uns klar, welche Gefahren uns noch bevorstehen. In diesen Kämpfen müssen wir uns solidarisch an die Seite queerer Kämpfe stellen. 

Faschist*innen sind Antifeminist*innen. Feminismus muss daher antifaschistisch sein! Antifaschistisch in den 1. Mai! Lasst uns die morgigen Faschoaufmärsche in Worms und Weinheim verhindern!

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Rede der SJD – Die Falken Heidelberg

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde, blicken wir in die Welt, so sieht es meistens übel aus. Das wisst ihr aber auch alle und das ist auch mit der Grund, warum wir alle heute hier sind: Weil wir damit, wie diese Welt eingerichtet ist, grundsätzlich nicht einverstanden sind. Wir wollen euch also gar nicht lange mit der Beschreibung der ganzen Widerlichkeiten aufhalten. Stattdessen wollen wir ein paar Worte dazu verlieren, warum wir Internationalist*innen sind – und was das überhaupt sein soll. Denn was das eigentlich als Linke heißt, ist gar nicht mal so selbstverständlich. 

Wir leben in einer zunehmend globalisierten Welt, in der alles und jeder (digital) vernetzt sein kann. Jedes Produkt, das wir konsumieren, reist, bevor es uns erreicht, einmal um die ganze Welt. Es wirkt so, als sei egal, in welchem Nationalstaat wir eigentlich leben. Man könnte als durchaus auf die Idee kommen: Internationalismus – das ist irgend so ein linkes Schlagwort, das heute aber mehr oder weniger überflüssig geworden ist. Wir müssen jedoch feststellen: Das, was uns als „internationale Vernetzung“ verkauft wird, meint Globalisierung zwischen Staaten um bessere Bedingungen für das nationale Kapital durchzusetzen. Der bürgerliche Staat bleibt dabei nicht nur „noch bestehen“, sondern ist die Grundlage dieser Globalisierung. 

Unser Begriff von Internationalismus als Sozialist*innen ist was ganz anderes: Wir organisieren uns internationalistisch und gerade deswegen gegen den Nationalstaat, in dem wir aktiv sind. Internationalismus ist dabei die Überzeugung, dass wir mit unseren Genoss*innen weltweit ein gemeinsames Interesse teilen und für dieses zusammen streiten wollen. Dieses Interesse, liebe Genossen und Genossinnen ist, dass wir Ausbeutung und Unterdrückung abschaffen wollen – egal wo auf der Welt. Das ist allerdings wirklich keine leichte Aufgabe. 

Es ist immer einfacher, den Kompromiss innerhalb des Nationalstaates zu suchen, und so wurde Internationalismus schon oft als Erstes über Bord geworfen, wenn sich das politische Klima verschärfte. Als Falken machen wir das nicht mit. Durch internationale Austausche, Zeltlagerbesuche, mit Genoss*innen aus Chile über Schweden oder Finnland bis in die Westsahara treffen Kinder und Jugendliche der Falken auf gleichaltrige aus anderen Teilen der Welt, erfahren von deren Herausforderungen und Kämpfen und lernen so, dass wir gegen das gleiche System kämpfen, aber auch wo sich unsere Lebensrealitäten unterscheiden und wie internationale Solidarität aussehen kann. Aus diesen Erfahrungen – praktischer politischer und pädagogischer Arbeit mit Genoss*innen aus der ganzen Welt – wissen wir auch, dass die rechten Erzählungen von „importiertem Sexismus“ falsch sind. Es ist eine rassistische Lüge, dass Belästigungen von Frauen auf „Ausländer“ zurückzuführen seien, die zu nichts anderem dient als, eine Stimmung gegen alle zu erzeugen, die nicht so aussehen, wie man sich etwa in den Villen da oben echte Deutsche vorstellt. Die Wahrheit ist: Das Patriarchat existiert in allen Staaten, denn das Problem ist nicht Nationalität, sondern Männlichkeit. Überall existieren aber auch genauso Bewegungen, die sich dagegen stark machen, für die sich aber die selbsterklärten Verteidiger deutscher Frauen genauso wenig interessieren wie dafür, wenn gute Deutsche regelmäßig ihre Partnerinnen ermorden. 

Gerade in Zeiten, in denen rechte Ideologien und Positionen erstarken und in vielen Ländern Mehrheiten gewinnen, wird ein politischer Internationalismus und eine praktische internationale Arbeit umso wichtiger. In deutschen Debatten hat ein Ton Einzug gehalten, der ganz offen zeigt, dass auch die Parteien der sogenannten Mitte inzwischen nach dem Prinzip “lieber machen wir selbst rechtsradikale Politik, bevor es die Rechtsradikalen machen” agieren. Unsere Aufgabe, liebe Genoss*innen, ist es mit diesem nationalen Konsens zu brechen. In diesem Sinne: Auf zu neuen Taten, das Vaterland verraten. 

Freundschaft!

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Rede der Linksjugend [’solid] Heidelberg

Liebe Genoss:innen, liebe Mitstreiter:innen,

vor 28 Jahren haben uns Heidelberger Antifas den 30. April von den Burschenschaften erkämpft. Seitdem ist die Vorabenddemo ein feministischer Kampftag, an dem wir uns Burschis, Bürgis und Gleichgültigen in den Weg stellen. Und wir sind lange über den Punkt hinaus, an dem wir uns durch Zugeständnisse und Besänftigung abspeisen lassen. Nur ein antifaschistischer, intersektional und international vereinter Kampf gegen das Patriarchat kann uns befreien. So muss unser Aufbegehren ein queerfeministisches sein: Wir sind gegen jeden Gender-Essentialismus (nach Butler). Kein Mensch darf aufgrund von zugewiesener, wahrgenommener oder selbstgelabelter Geschlechtsidentität diskriminiert werden. Unser besonderer Schutz und bedingungslose Solidarität gilt dabei Menschen, die Gender nonconforming sind. Ein Angriff auf eine trans Person ist ein Angriff auf uns!

Es ist absolut illusorisch zu glauben, dass die patriachale Gewalt, die beispielsweise trans Frauen erfahren, sich nicht auch gegen cis Frauen entladen kann. Genau das sehen wir zur Zeit in Großbritannien, wo ein Urteil vom 16. April das ,biologische Geschlecht“ als entscheidenden Faktor für Gleichstellungsanspruch festgelegt hat. Cis Frauen, die nicht in die Norm der Geschlechtscharaktere (nach Hausen), nicht in die ,traditionelle Weiblichkeit“ passen, erfahren nun also mehr Sexismus, mehr Schikane, mehr Polizeigewalt.

Binärität und genderbezogenes Othering schaden uns selbst am meisten, aber drängen selbstverständlich auch unsere Genossen in den Käfig der hegemonialen Männlichkeit (nach Connell). Im Kampf gegen das Patriarchat gibt es keine Außenstehenden. Keine Nichtbetroffenen. Keine Entschuldigung dafür, sich zurückzulehnen und der Verantwortung zu entziehen.

Weiterhin muss unser Kampf antikapitalistisch sein: Zwar ist der Kapitalismus nicht die Ursache der genderbezogenen sozialen Ungleichheiten, allerdings ein extrem starker Katalysator für diese. Der Kapitalismus und der Arbeitsmarkt, den er geschaffen hat, zwingen afab Flinta* in die unbezahlte Care Arbeit. Der maximale Mehrwert wird durch maximale Entwertung der Arbeitskraft von Flinta* erreicht. Das kapitalistische Wirtschaftssystem basiert auf Voraussetzungen, die es selbst nicht erzeugen kann und die es darüber hinaus systematisch untergräbt auf gewaltvolle und propagandistische Weise.

Dabei müssen unsere Bemühungen universal sein: Systemisch verankerter Sexismus hat unseren Widerstand genau so verdient wie Alltagssexismus. Wir wollen Räume die uns gehören, wir wollen gendergerechte Sprache, wir wollen, dass Alltagschauvenisten wieder Angst haben müssen. Und vor allem muss unser Feminismus radikal sein: Staat und Regierung werden uns in unseren feministischen Kämpfen niemals unterstützen. Ganz im Gegenteil, die aktive Unterdrückung von Flinta* ist in der letzten Legislatur besonders zum Ausdruck gekommen, als die Streichung von § 218 StGb mehrfach hartnäckig verhindert wurde. Keine Flinta* darf dazu gezwungen werden, ein Kind auszutragen! Aber die Regierung tut alles, um unsere körperliche Autonomie so hart wie möglich einzuschränken. Das wird gerade auch deutlich, wenn wir uns die gestiegene Zahl der Femizide in Deutschland anschauen: Fast jeden Tag wird eine Flinta* mit patriarchal motivierter Gewalt ermordet. Der Parlamentarismus als Form der sog. repräsentativen Demokratie ist in einer patriarchalen Gesellschaft inhärent auch patriarchal. Wen repräsentiert der 21. deutsche Bundestag denn? Zu 67,6% Männer Restsatz, ganz zu schweigen von der antifeministischen Parteienlandschaft und den Amtsinhaber:innen (wie Friedrich Merz ‘97 gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe gestimmt hat, müssen wir den hier Anwesenden nicht nochmal erzählen).

Unsere Körper, unser Sozialleben, unsere Arbeit, unsere Räume, unsere Sprache, unser ganzes Leben ist durch patriarchale Unterdrückung prädikat. Alle von uns leiden darunter, viele von uns werden nachhaltig traumatisiert, manche von uns ermordet.

Wenn wir es nicht zerschlagen, wird das Patriarchat uns zerschlagen.

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Rede der VVN-BdA Heidelberg

Liebe Mitstreiter*innen,

ich grüße euch im Namen der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist*innen. Indem die heutige Demonstration die Verbindung zwischen feministischen und antifaschistischen Kämpfen herstellt, greift sie ein Thema auf, das lange Zeit zu wenig beachtet wurde.

Das mussten wir auch in der Wahrnehmung des antifaschistischen Widerstands gegen das NS-Regime erleben: Über die Beteiligung von TINA-Personen wissen wir fast nichts, aber es ist bekannt, dass der Anteil von Frauen extrem hoch war – eine Tatsache, die lange Zeit ignoriert wurde.

Bei ihrer Widerstandsarbeit waren Frauen oft mit patriarchalen Vorurteilen ihrer Mitstreiter konfrontiert und in leitenden Funktionen unterrepräsentiert. Trotzdem beteiligten sie sich vielfältig aktiv im Widerstand und übernahmen unterschiedliche Aufgaben und Rollen: Sie halfen dabei, die Gruppen zu organisieren, kassierten Beiträge oder Spenden, unterstützten die Verfolgten und politischen Gefangenen. Andere stellten als Kurierinnen und Verbindungsfrauen die Kommunikation zwischen den Strukturen sicher. Viele Antifaschistinnen waren bei der Herstellung und Verbreitung von Flugblättern beteiligt. Als Partisaninnen waren sie in allen Bereichen des bewaffneten und unbewaffneten Kampfes vertreten.

Im Nachgang wurde die Rolle von Frauen aber verschwiegen, ausgeblendet oder kleingeredet. In der Geschichtsschreibung tauchten Widerstandskämpferinnen lange Zeit ausschließlich als „Ehefrau von …“ auf, und nur die männlichen Beteiligten wurden gewürdigt. Typisch dafür ist das 1994 erschienene „Lexikon des deutschen Widerstands“, in dem hunderte Kurzbiografien aufgelistet sind: 510 Männer – und gerade einmal 47 Frauen. Auch wenn sich in den letzten Jahren einiges getan hat und mehr zu Frauen aus dem antifaschistischen Widerstand geforscht und publiziert wird, ist noch viel zu tun.

Deshalb freuen wir uns sehr, dass auch in Heidelberg endlich eine Widerstandskämpferin geehrt wird, die zuletzt in Vergessenheit geraten war: Sophie Berlinghof, geborene Kuhn.

Die Aktivistin aus Handschuhsheim stammte aus einer proletarischen Familie und wurde schon als Schülerin in kommunistischen Gruppen aktiv. Trotz der Finanznot und entgegen patriarchaler Hürden schaffte es Sophie Kuhn, das Abitur zu machen und 1931 ein Studium der Zahnmedizin zu beginnen. Als Mitglied der „Roten Studentengruppe“ und des Kommunistischen Jugendverbandes engagierte sie sich gegen die erstarkende NS-Bewegung und musste auch hier immer wieder frauenfeindliche Beschimpfungen erdulden.

Nach der Machtübergabe an die Nazis wurde sie am 1. Juni 1933 öffentlich in der Zeitung denunziert und wenig später von der Uni exmatrikuliert. Trotzdem blieb die Antifaschistin im illegalen Kommunistischen Jugendverband aktiv und wurde im August 1933 für mehrere Wochen in so genannte Schutzhaft verschleppt. Nach der Freilassung engagierte sie sich weiterhin in antifaschistischen Jugendgruppen, in der illegalen KPD und der Roten Hilfe.

Nach der Befreiung vom NS-Faschismus war Sophie Berlinghof, wie sie seit ihrer Heirat mit einem Genossen hieß, KPD-Stadträtin in Heidelberg. Dies blieb sie bis zum KPD-Verbot 1956, dem erneute Repression, diesmal durch die BRD folgte. Jahrzehntelang war die Aktivistin Kreissprecherin der VVN-BdA, die sie in Heidelberg mitgegründet hatte. Sie engagierte sich in der antifaschistischen Bildungsarbeit, trug mit Gedenkveranstaltungen und Stadtrundgängen gegen das Vergessen bei. Als überzeugte Kommunistin setzte sie sich gegen Militarisierung und Krieg sowie gegen alte und neue Nazis ein.

Im vergangenen Herbst beantragten wir, den nach dem Nazi Karl Kollnig benannten Platz in Handschuhsheim nach der Antifaschistin Sophie Berlinghof zu benennen. In den folgenden Diskussionen in den städtischen Gremien wurde die Widerstandskämpferin Ziel von antikommunistischer Hetze und Verleumdungen. Trotzdem setzten sich im Februar schließlich genügend Mitglieder des Gemeinderats für die Umbenennung ein. Diesen Sommer werden an dem Platz endlich auch offizielle Straßenschilder angebracht.

Damit wird ein wichtiges Zeichen gesetzt, um den antifaschistischen Widerstand als solchen, vor allem aber auch die lange verschwiegene Mitwirkung von Frauen sichtbar zu machen un daran zu erinnern.

Das ist ein Grund zu feiern, aber für uns alle auch ein Ansporn weiterzumachen und feministische mit antifaschistischen Forderungen zu verbinden.

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Rede der ROSA Hochschulgruppe

Liebe Genoss:innen, Freund:innen und Passant:innen,

wir sind heute auf der Straße mit dem Motto “Patriachat zerschlagen, antifaschistisch, intersektional, international”. In unseren Demoaufrufen war schon hin und wieder von Rojava zu lesen – ein Beispiel einer Region, in der das Patriarchat strukturell bekämpft wird. In der Autonomen Verwaltung Nord- und Ostsyrien ist die Gesellschaft grundlegend anders organisiert als hier und in allen anderen Staaten auf der Welt. Die Organisierung basiert auf den Grundprinzipien des Feminsmus, der Ökologie und Basisdemokratie und zeigt eine reale Alternative auf gegen das für viele so zwangsläufig nötige System, in dem wir hier leben. Denn ein Leben ohne Ausbeutung, Naturzerstörung und Patriarchat ist möglich.

Im Demokratischen Konförderalismus in Rojava sind die wichtigsten Entscheidungsorgane die Kommunen, bestehend aus 30-100 Haushalten. Sie bilden verschiedene Räte, in denen dann alle Verwaltungsentscheidungen für die jeweiligen Gebiete getroffen werden. Die überregionalen Organe haben nur eine vertretende und koordinierende Rolle, denn niemensch weiß so gut über eine Gemeinschaft Bescheid, wie die Gemeinschaft selbst. Für alle Räte gibt es parallele Frauen- und Jugendräte, da die “widerständigen Geschlechter” und die Jugend eine Vorreiterrolle in der Organisierung der Gesellschaft innehaben. Denn die Organisation, die Verantwortungsübernahme und das Reflektieren der Gemeinsamkeiten der widerständigen Geschlechter ist keine Nebensache, die nice to have ist. Sie ist notwendig für eine befreite Gesellschaft. Abdullah Öcalan, Vordenker der Bewegung, betont: „Der Grad der Befreiung der Frau ist ein Maßstab für die Befreiung der Gesellschaft.“ Deshalb hat auch jede ethnische oder religiöse Minderheit das Recht, sich in Räten zusammen zu tun.

Die Frauenbefreiung ist zentral in der Befreiung der Gesellschaft und im politischen System in Rojava. Wie schon gesagt, nehmen die autonomen Frauenkommunen sowie Frauenräte auf jeder Ebene, die bei Abstimmungen alle ein Vetorecht haben, eine zentrale Rolle ein. Jeder Kommunen- sowie Ratsvorsitz und auch die Vertreter:innengruppen werden aus gleich vielen Frauen wie Männern zusammengesetzt. Auch in allen anderen Sphären des Lebens, wie den Medien, den Akademien, der Wirtschaft, den Sicherheits- und Verteidigungskräften, gibt es immer autonome Frauen-Organisation. Mit viel Erfolg übrigens – kurdische Kräfte aus Rojava waren maßgeblich daran beteiligt, den IS zu bekämpfen, und haben viele Städte von ihm befreit.

Mit der Jineoloji – von Jinen, zu Deutsch Frauen – wurde auch eine Wissenschaft der Frauen und des Lebens geschaffen, welche eine Alternative zur positivistischen und patriarchalen Wissenschaft im Kapitalismus darstellt und diese auch infrage stellt. Jineolojî ist für alle Studierenden, Amtsträger:innen und Soldat:innen ein Pflichtfach an allen Universitäten und Ausbildungsstätten in Rojava. Diese antipatriarchale Bildung aller Geschlechter ist ein wichtiger Teil des Aufbaus einer geschlechtergerechten und befreiten Gesellschaft.

Sehr hervorzuheben sind hier die Frauenarmeen der sozialistischen kurdischen Parteien und Gruppen, wie die YPJ oder die YAJK, die die ersten Armeen ihrer Art sind. Während die bürgerlichen nationolistischen Armeen wie die Bundeswehr FLINTA tolerieren, ihnen aber keine eigenen Strukturen zur Verfügung stellen, sind in diesen Armeen keine Männer erlaubt und sie unterstehen nicht dem Kommando der gemischten Einheiten. Dieser Ausbruch der widerständigen Geschlechter aus den patriachalen Strukturen der Gesellschaft ist ein einzigartiger und gewaltiger Fortschritt für die Zerschlagung des Patriachats.

Doch wenn ich mit Menschen über Rojava rede, höre ich oft: „Aber ist die kurdische Arbeiterpartei, die PKK, die ähnliche Vorstellungen hat, nicht eine Terrorgruppe? In Syrien gibt es das doch gar nicht, da werden die Frauen doch unterdrückt und Demagogen herrschen, oder Bürgerkrieg, oder Islamisten. Die Bekämpfung vom IS, al-Qaida, allen Islamisten dort, das wird doch von der NATO gemacht oder Deutschland oder den USA.“ Denn das sind die vorherrschenden Narrative hier in der BRD – es gäbe nichts außer dem System, in dem wir uns jetzt gerade in Deutschland und im Globalen Norden befinden. Nichts anderes „funktioniert“ als der Kapitalismus. Nirgendwo hätten Frauen oder queere Menschen oder ethnische Minderheiten oder irgendeine unterdrückte, ausgebeutete Gruppe es besser als hier. Die Scheuklappen müssen immer enger gezogen werden, die Berichterstattung immer lückenhafter und tendenziöser – „was, du setzt dich ein für die Freiheit von Öcalan? Für kurdische Kulturzentren? Für ein Ende der Bombardements auf Rojava? Weg mit dir, ab in Haft, das gibt einen § 129b: Kriminelle und terroristische Vereinigungen im Ausland.“ In Partnerschaft zur nationalistischen Türkei, die seit Jahrzehnten einen Genozid an den Kurd:innen versucht, wird auch hier die kurdische Gemeinschaft politisch mundtot gemacht. Weil der Staat weiß: Sonst kommt das System ins Wanken. Sonst merken die Menschen: Wenn Frauen es sogar in Syrien besser haben können als hier, wieso sollte es dann bleiben, wie es ist? Jin, Jiyan, Azadî entstammt den demokratischen Bewegungen aus und für Rojava. Linksliberale eignen sich die Parole an, deshalb übersetzen wir sie eindeutig: Für die Freiheit, für das Leben, lasst uns das System aus den Angeln heben!

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Rede der Seebrücke Heidelberg

Die rechte Hetze, der wir uns tagtäglich entgegenstellen und der wir tagtäglich ausgesetzt sind, propagiert migrantische Männer seien in Deutschland ein Problem und eine Gefahr für Frauen bzw. weiblich gelesen Personen. Diese rassistische Hetze und Rhetorik nimmt sich diesen Themas nicht etwa willkürlich an, sondern ganz gezielt um so vom hiesigen Patriarchat abzulenken. Diese Taktik ist nicht neu, ganz gleich ob es um Inflation, Armut oder Unterdrückung geht, für die vielen Krisen unserer Zeit werden unterdrückte Randgruppen wie etwa Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund verantwortlich gemacht. Dabei ist das System von Männern für die Männer gemacht und dient dazu den Wohlstand und die weiße cismännnliche Vorherrschaft zu erhalten. Es zeigt sich, nicht die Herkunft ist ausschlaggebend, wer hätte das gedacht, sondern die Tatsache, dass es Männer sind!

Die mediale Darstellung ist absichtlich extrem verzerrt, wenn von Gewalttaten berichtet wird, wird die Herkunft fast immer nur dann genannt, wenn diese nicht Deutschland ist. Dass 70% aller Gewaltverbrechen von Männern ohne Migrationshintergrund verübt werden, wird so ebenfalls nicht genannt. Wenn sich Sexisten plötzlich um das Wohl von Frauen sorgen und z.B. fordern, Frauen aus dem Iran zu holen oder anerkennen, dass Flinta* auf der Flucht einer höheren Gefahr als Cismänner ausgesetzt sind oder aus geschlechtsspezifischen Gründen fliehen müssen, dann dient auch das dem Ziel das Patriarchat hier zu verleugnen und zu deflektieren und es so darzustellen, als gebe es das nur noch in Ländern, in denen Krieg herrscht, aus denen Menschen fliehen müssen. Doch das Patriarchat existiert überall!

So kämpfen Frauen mit Fluchthintergrund oft zwei Kämpfe, den des Krieges oder der Armut, der Unfreiheit und Unterdrückung und den, der oftmals unsichtbar erscheint. Den Kampf in ihrem eigenen Zuhause, den Kampf auf den Straßen, den Kampf von vielen – vielen Schwestern, Töchtern, Müttern, Tanten und Freundinnen. Ein Kampf, der auf kein Land beschränkt ist! Wir Flinta* kämpfen international, gegen Faschismus, Krieg und Kapital!

Hier in Deutschland ist der Kampf längst nicht vorbei. Hier stoßen geflüchtete Flinta* Personen oft auf neue Formen von Sexismus, Queerfeindlichkeit, Transfeindlichkeit und Diskriminierung. Geflüchtete Frauen werden in der Gesellschaft oftmals verzerrt wahrgenommen; sie sind Ehefrauen, Mütter oder Opfer ihrer Männer, passive Begleiterinnen – sie sind vieles, aber doch kein normaler und starker Mensch mit Träumen und Wünschen, Ansprüchen, Talenten und einer Stimme, eine Stimme die laut sein kann, eine Stimme, die wütend sein kann, eine Stimme, die stark sein kann! Wie wichtig der Schutz von Frauen mit Flucht- oder Migrationshintergrund der Regierung ist, zeigt sich spätestens dann, wenn diese aus Frauenhäusern in Verfolgung, Folter und Tod aufgrund ihres Geschlechts abgeschoben werden.

Es wird sich einer rassistischen und nationalistischen Rhetorik bedient, um gegen Menschen mit Migrationshintergrund zu hetzen. Der misogyne Rassist Friedrich Merz, der gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe stimmte, Ende letzten Jahres sagte, Frauen seien „nicht so selbstbewusst wie Männer – und mit Ministerposten täte man ihnen keinen Gefallen“ und sich immer wieder auf den rechten Kampfbegriff der „deutschen Leitkultur“ beruft.

Welche deutsche Leitkultur? Die Kultur, die massenhaft Menschen verfolgt? Die Kultur, in denen Frauen ihren Männern untergeordnet sind? Der Kultur, in denen queere Menschen und Transmenschen jeden Tag auf der Straße um ihr Leben zu fürchten haben? Wohl eher kann mensch für eine Kultur des Leidens sprechen, für alle Menschen die nicht weiß, reich und cismännlich sind.

Merz, der aussagte, dass er sich gleich als erstes dem Abtreibungsparagrafen 218 annehmen und an diesem festhalten will, Transfrauen den Schutz in Frauenhäusern verwehrt, das Gendern verbieten und das Selbstbestimmungsgesetz rückbauen will, aber gleichzeitig das Patriarchat verschweigt und die Konsequenzen dessen als fremd darstellt. So sagte er: „Wer zu uns kommt, muss unsere Werte respektieren. Insbesondere müssen die Rechte der Frauen in unserer Gesellschaft geachtet werden. Das ist nicht verhandelbar.“ Damit suggeriert er nicht nur, dass Frauen in Deutschland sicher und keiner geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt sind (zur Erinnerung, in Deutschland wird fast täglich ein Femizid verübt), sondern auch, dass das Problem fremd sei und nicht etwa weiße Männer ohne Migrationshintergrund.

Die Migrationsdebatte wird von rechten Kräften als „Bedrohung“ inszeniert, die insbesondere Frauenrechte gefährde. Das dient zur Legitimation für rassistischen Migrationspolitik, die so vielen Menschen das Leben kostet.

Wir haben die Schnauze verdammt nochmal voll! Wir werden nicht mehr schweigen! Wir müssen uns dem rechten Aufschwung konsequent entgegenstellen, der sein Ende nicht von alleine finden wird!

Der erste CSD in diesem Jahr, der in Sachsen-Anhalt stattfand, wurde aufgelöst und verboten. Soll das ein vom Patriarchat befreites System sein?

Nein! Gewalttaten gegen queere Menschen und Transpersonen nehmen zu, die Hetze, insbesondere gegen Transpersonen, nimmt in den Parlamenten und auf der Straße ebenfalls immens zu. Dieser erste CSD zeigt exemplarisches die Folgen von queer- und transfeindlicher Politik auf, welche sich zum Erfüllungsgehilfen faschistischer Kräfte gemacht hat, die CSDs verhindern wollen.

Wir aber sagen: nicht mit uns!

Say it loud. say it free
say it soft, say it how you want it
fuck – fuck the patriarchy!

Feuer und Flamme dem Patriarchat! Kampf dem Sexismus auf der Straße und privat!

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