Burschenschaft Normannia zu Heidelberg
Geschichte und Politik einer faschistischen Kaderschmiede

An der Geschichte und Politik der Burschenschaft Normannia lässt sich bis zum heutigen Tag exemplarisch die Rolle rechter Studentenverbindungen für die faschistische Bewegung aufzeigen. Zwar ist die Normannia mit ihrem offenen Auftreten als völkisch-rassistische Gruppierung innerhalb der Heidelberger Verbindungslandschaft immer noch eine Ausnahmeerscheinung. Sie ist aber in die korporierte „Szene“ bestens integriert. Es herrscht reger Austausch mit anderen Verbindungen; im „Heidelberger Waffenring“ werden die Normannen von allen anderen schlagenden Verbindungen als „verehrte Waffenbrüder“ hofiert. Auch das rechtsnationale Milieu, das die Studentenverbindungen prägt, ist keineswegs eine Spezialität der Normannia. AfD-Funktionäre gibt es auch in den anderen Korporationen (von katholischen Verbindungen bis hin zu den Corps) zu Hauf. Die Heidelberger Verbindungshäuser fungieren nach wie vor als Lesezirkel der neurechten „Jungen Freiheit“ und als Nachwuchsreservoir der völkischen „Identitären Bewegung“. Insofern ist die Normannia Heidelberg einerseits die Spitze des Eisbergs, kann aber durchaus für sich in Anspruch nehmen, stilprägend für das Verbindungsmilieu insgesamt zu sein.

Wegbereiter der völkischen Bewegung

Burschenschaften beanspruchen seit jeher, explizit politische und politisch handelnde Vereinigungen zu sein. Bei anderen Studentenverbindungen werden durch immer aufs Neue eingeübte Rituale, durch exakt definierte Mutproben und Trinkregeln „übergeordnete politische Werte“ wie Hierarchiebewusstsein, Unterordnung, Gehorsam, „Treue“ und „Vaterlandsliebe“ antrainiert. Die Umsetzung dieser „vaterländischen Werte“ bleibt anschließend den jeweiligen Mitgliedern überlassen.
Die Burschenschaften bestehen dagegen darauf, selbst aktiv ins politische Geschehen einzugreifen. Sie vereinen damit die zutiefst emotional geprägte Sozialisation im lebenslangen Männerbund mit einem politischen Kampfprogramm.
Als sich die Burschenschaft Normannia 1893 gründete, waren die Burschenschaften, deren Vorgeschichte bis 1815 zurückreicht, längst nicht mehr nur Repräsentanten eines reaktionären deutschnationalen Politikmodells. Sie waren bereits Vorreiterinnen einer völkischen, aggressiv antisemitischen Bewegung. Drei Jahre nach der Gründung der Normannia verabschiedete der Dachverband der Burschenschaften, der Allgemeine Deputierten Convent (ADC) einen Beschluss, demzufolge sich jedes Mitglied zum „Deutschtum zu bekennen“ und vom Judentum zu distanzieren habe.
Lange bevor die Nazis ihre diesbezüglichen Pläne konkretisierten, verabschiedeten die Burschenschaften 1920 einen „Arierparagraphen“. Jeder Burschenschafter hatte fortan nachzuweisen, dass er „nach bestem Wissen und Gewissen frei von jüdischem oder farbigem Bluteinschlag“ sei. Dieses Bekenntnis hatte sich bei Strafe des Ausschlusses auch auf zukünftige Ehefrauen zu erstrecken. Die NSDAP befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in ihrer Gründungsphase.
In den späten Jahren der Weimarer Republik ist die Politik der Burschenschaft Normannia nahezu identisch mit jener der NSDAP. Während das Aktivenleben weitergeführt wird, findet das politische Engagement weitgehend im Rahmen des „Nationalsozialistischen Studentenbundes“ NSDStB statt.
Folgerichtig verkündete die Deutsche Burschenschaft nach der Machtübergabe an Hitler: „Heute, 1933, ist das Sehnen der Urburschenschaft erfüllt. Die nationalsozialistische Bewegung hat nämlich dort angeknüpft, wo 1817 die Urburschenschaft erwacht war. Die nationalsozialistische Idee ist deshalb die wahrhaftige und berechtigte Erbin der altburschenschaftlichen Bewegung.“
1935 wurde dem NSDStB-Führer Albert Derichsweiler auf der Wartburg die Fahne der Urburschenschaft in feierlicher Form übergeben. Die abgelegten Bänder und Mützen der anwesenden Burschen und etwa 120 gesenkte Burschenschaftsfahnen dokumentierten die Bereitwilligkeit zur Überführung in den NSDStB.
Im Jahre 1937 wandelt sich auch die Burschenschaft Normannia formell um in die „NS-Kameradschaft Normannia“. Das Verbindungsleben bleibt davon weitgehend unberührt; auch die Fahne der Normannia wird nicht der NSDAP übergeben. In der Zeit des Nationalsozialismus erlangte vor allem der Medizinprofessor und Alte Herr der Normannia August Hirt grausige Berühmtheit mit seinen massenhaften Menschenversuchen im KZ Natzweiler-Struthof. Der Schriftsteller Rolf Hochhuth attestierte Hirt eine „wissenschaftlich gepflegte Idiotie und Grausamkeit, [die] selbst noch das branchenübliche Maß vieler prominenter SS-Mediziner übertraf“.

Zwischen Restauration und Nazi-Nostalgie – Von der Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre

Die Burschenschaft Normannia war zunächst – wie andere Verbindungen auch – als NSDAP-Nachfolgeorganisation von den Alliierten verboten worden. Im März 1947 hieß es in den „Military Organization Regulations“ der US-Amerikaner*innen: „All National Socialist organizations in universities are abolished and not be permitted to be revived. The revival of other student organizations (especially Verbindungen, Burschenschaften, Korporationen, and their Altherrenbuende) of all nationalistic, reactionary or para-miltary character will not be permitted.“
Dieses Verbot wurde von den Alten Herren zunächst schleichend, dann ganz offen unterlaufen. Schon bald fanden sich auch wieder junge, im Geiste des Nationalsozialismus erzogene Studenten, um eine neue „Activitas“ zu bilden.
1950 gründete die Normannia mit anderen Burschenschaften einen neuen Dachverband, die „Deutsche Burschenschaft“ (DB). Innerhalb der DB konnte sich die Normannia Heidelberg mit ihrem völkischen Kurs allerdings noch nicht vollständig durchsetzen – zu groß waren bei der Mehrheit der DB-Bünde die Bedenken in Bezug auf eine allzu offene Anknüpfung an Nazi-Traditionen. Darum gründete die Normannia 1961 mit anderen einschlägig bekannten Burschenschaften eine innerverbandliche Pressure-Group, die „Burschenschaftliche Gemeinschaft“. Diese beharrte auf dem völkischen Abstammungsprinzip, umschrieben als „volkstumsbezogener Vaterlandsbegriff“. Folgerichtig beharrte die BG auf der Mitgliedschaft der österreichischen Burschenschaften in den „Deutschen Burschenschaften“. Da die österreichischen Bünde allesamt noch sehr viel deutlicher faschistisch geprägt waren (einige waren zeitweise wegen neonazistischer Betätigung in Österreich verboten), diente diese Bestrebung auch dazu, die völkische Hausmacht der Normannia innerhalb der DB zu erweitern. Zehn Jahre später war es dann so weit: Die Österreicher wurden „als Deutsche unter Deutschen“ in die DB aufgenommen.
Allerdings war der völkische Rassebegriff noch nicht offizielles Programm des Dachverbandes, und so blieb die Normannia in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft aktiv, um auch den Rest dieses Dachverbandes auf Linie zu bringen.
Was der rassische Volkstumsbegriff für die Normannia nach innen war, war die revanchistische Großdeutschland-Politik nach außen. Ziel der Normannia war der „staatliche Zusammenschluss des gesamten deutschen Volkes“. Dieser habe nicht nur BRD und DDR zu umfassen, sondern auch Österreich, Südtirol und die von den Nazis eroberten „Ostgebiete“. Der Kampf für die „Wiedervereinigung“ reicht in dieser Vorstellung sogar noch weit über das Staatsgebiet des nationalsozialistischen Deutschlands von 1939 hinaus.

Die deutsche Vereinigung als Freibrief

Mit der Übernahme der DDR erlebte die BRD zugleich eine Phase offener Pogrome und neonazistischer Aktivitäten bislang unerreichten Ausmaßes. Auch die Normannia trat nach der Vereinigung 1989 immer offenherziger in Erscheinung:
Ein Sprecher der Normannia bekennt 1993 der Student*innenzeitung „Ruprecht“ auf Anfrage: „Wir müssen uns nicht schämen, Deutsche zu sein, und wollen nicht mehr vor Juden buckeln.“ Die beiden Normannen Christian Schaar (späterer Bundesvorsitzender der neonazistischen „Jungen Landsmannschaft Ostpreußen“, JLO) und Wolfgang Unold (Sprecher der faschistischen Organisation „Forum 90“, die sich als „Jugendbewegung gegen den Parteienstaat“ präsentiert) gründen eine rechte Liste mit dem Namen „Die Andersdenkenden“ zu den Heidelberger AstA-Wahlen. Auch aus dem Bündnis mit neonazistischen Schlägerskins wird kein Geheimnis mehr gemacht.
Als die Burschenschaft Alemannia 1996 die Organisation des nationalistischen „Maiansingens“ der Verbindungen aufgibt, das in der Nacht zum ersten Mai seit jeher zu Auseinandersetzungen mit Linken geführt hatte, übernimmt die Normannia diese Tradition und wirbt zur Durchsetzung dieses deutschnationalen Spektakels stadtbekannte Nazischläger als „Schutztruppe“ an. Die Aktivitas der Normannia verteilt in diesen Jahren Flugblätter der militanten Nazipostille „Unabhängige Nachrichten“ (UN), in denen gegen das „jüdische Finanzkapital“ gehetzt wird, und die lediglich mit der Unterschrift „Normannia Heidelberg“ versehen sind.

Im neuen Jahrtausend – an der Spitze der Bewegung

In gewisser Weise wird das, worauf die Normannia Zeit ihres Bestehens hingearbeitet hat, im neuen Jahrtausend erneut Realität. Die extreme Rechte wird wieder anschlussfähig für Akademiker*innen und für das Bildungsbürger*innentum. Hatte man sich seit der Nachkriegszeit als Rechter mit völkischen Positionen bedeckt zu halten, wollte man in der öffentlichen Diskussion ernst genommen werden; nun tritt die Normannia wieder unverblümter auf und imaginiert sich als „intellektuelle Speerspitze“ einer neuen völkischen Bewegung. Das jahrzehntelange Weitertragen des alten rechten Weltbildes soll nun Früchte tragen. Ganz bewusst setzt die Normannia bei den Vorträgen, die sie auf ihrem Haus am Kurzen Buckel Nr. 7 abhält, auf geschichtsrevisionistische und neonazistische Tabubrüche. Bei Normannenvorträgen referieren Geschichtsrevisionisten und Holocaustleugner ebenso wie verurteilte Rechtsterroristen. Veranstaltungen werden über die klandestinen Infotelefone der neonazistischen Kameradschaften und der militanten Naziszene organisiert und beworben.
Auch verbindungsintern hält die Normannia die Zeit des Durchmarschs für gekommen. In den Jahren 2009 und 2010 übernimmt die Normannia den Vorsitz der DB. In diesen Jahren werden mit dem so genannten Arierparagraphen die Weichen gestellt für eine Machtübernahme der völkisch-rassistischen Bünde im Dachverband. Der Rechtsausschuss der DB erklärt sich für die Begutachtung von Mitgliedern zuständig: „Nicht dem deutschen Volk gehöre ein Bewerber an, wenn nicht beide Eltern eines Bewerbers dem deutschen Volk angehören.“ Auszumachen sei das beispielsweise an einer „nichteuropäischen Gesichtsmorphologie“. Die folgende Empörung dient laut Normannia der „notwendigen Klärung von Positionen“, sprich dem Herausdrängen von Burschenschaften aus dem Dachverband, die vor offenem Nazismus zurückscheuen.
Diese „notwendige Klärung“ wird auch innerhalb der Normannia selbst betrieben. 2012 beschließt der Generalconvent der Normannia, dass den „Bundesbrüdern“ empfohlen wird, in der Öffentlichkeit auf die sonst übliche Begrüßung mit „Heil!“ zu verzichten. Es handelt sich wohlgemerkt keineswegs um ein Verbot, sondern lediglich um eine Empfehlung zum Verhalten vor Außenstehenden. Der Beschluss gerät durch eine Indiskretion an die Öffentlichkeit. Etliche Alte Herren verlassen, um ihren gesellschaftlichen Ruf bedacht, die Verbindung.

Roter Faden Antisemitismus

Als kontinuierliches Motiv zieht sich durch die Geschichte der Normannia Heidelberg ein fanatischer Antisemitismus. Auch eigentlich unvereinbare Positionen sind bei den Veranstaltungen der Normannia willkommen, solange sie diesem zentralen Anliegen dienen: Ob neonazistische Holocaustleugner, arabische Antisemiten oder der Generalobere der ultrakatholischen Piusbruderschaft – sie alle werden in den wahnhaften antisemitischen Kosmos der Normannia eingebunden.
Die Kontakte reichen dabei bis ins rechtsterroristische Milieu. Der in Weinheim lebende Christian Schaar, der in der Altherrenschaft der Normannia immer wieder eine zentrale Rolle spielte, war Vorsitzender der so genannten „Jungen Landsmannschaft Ostpreußen“, die die europaweit größten Naziaufmärsche in Dresden organisierte. Verheiratet ist er mit einer Angehörigen der Unterstützerszene des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Als Mitglied des Nazimusik-Duos „Eichenlaub“ sang die damalige Claudia Walter Solidaritätslieder für die Untergetauchten und warb im „Blood & Honour“-Umfeld für Unterstützung für sie.

Die selbsternannten „Eliten der Nation“

Wie alle studentischen Korporationen hat auch die Normannia den Anspruch, „auch weiterhin national gesinnte Menschen in alle führenden Berufe unserer Gesellschaft zu entsenden“, wie es Manfred Kanther (CDU) 1990 öffentlich bei einer Rede für sein Corps Guestphalia et Suevoborussia in Marburg formulierte. Obwohl das stumpfe Nazigehabe der Normannia aktuell zu diesem Anspruch im Widerspruch zu stehen scheint, beschränkt sich das Wirkungsfeld der Normannia nicht nur auf Funktionäre rechter Parteien – z. B. Matthias Müller (NPD), Wolfgang Unold und Klaus- Dieter Motzke (Republikaner), Christian Schaar (Deutschland Bewegung) oder Markus Ksienzyk (Junge Landsmannschaft Ostpreußen).
Eine führende Position nimmt beispielsweise David Milleker, der Chefökonom der Union Investement ein; weitere Mitglieder sind Gerd Neubeck (früher Oberstaatsanwalt in Dresden, stellvertretender Polizeichef von Berlin, heute Sicherheitschef der Deutschen Bahn), Markus Prien (Geschäftsführer der MVV Energieversorgung Mannheim), der immer wieder durch rassistische Äußerungen auffällig gewordene Polizeifunktionär Egon Manz (CDU).
Kein Wunder also, dass sich die Normannia trotz immer neuer Naziskandale der Rückendeckung durch Politik und Sicherheitsorgane erfreuen kann. Mittlerweile kann der völkische Männerbund auch einen Bundestagsabgeordneten vorweisen: Der Normanne Christian Wirth sitzt für die AfD im Parlament und ist auch in seiner ursprünglichen Burschenschaft, der Ghibellinia Saarbrücken – ebenfalls eine Studentenverbindung am äußersten rechten Rand -, noch aktiv.