
Mit 350 Menschen sind wir kämpferisch in den 1. Mai gestartet. Die feministische und antifaschistische Vorabenddemo fand in diesem Jahr unter dem Motto „Burschis in den Neckar fegen!“ statt, womit wir an feministische Traditionen der Walpurgisnacht sowie an antifaschistische Traditionen in Heidelberg anknüpften: Bis zum Jahr 1996 liefen in Heidelberg am 30. April Burschenschaften und andere Studentenverbindungen zum Fackelmarsch auf, bei dem sie rechte Lieder sangen und immer wieder rassistische Übergriffe verübten. Nachdem die Autonome Antifa Heidelberg dieses braune Treiben zurückschlug, marschierten 1997 keine Burschis mehr auf und der öffentliche Raum wurde stattdessen mit linken Inhalten gefüllt. Somit feierten wir in diesem Jahr ein Jubiläum: Nacht zum 1. Mai – seit 30 Jahren burschifrei!
Nach einer Auftaktkundgebung an der Stadtbücherei zog die Demo lautstark durch die Poststraße, über den Bismarckplatz, durch die Hauptstraße bis zum Uniplatz, wo bei einer Zwischenkundgebung die aneinandergereihten Transparente ein starkes Bild ergaben. Die abwechslungsreichen Redebeiträge befassten sich sowohl mit dem grundlegenden reaktionären Geist aller Studentenverbindungen als auch explizit mit Heidelbergs Nazi-Burschenschaft Normannia. Diese hatte 2020 nach einem antisemitischen Übergriff auf ihrem Haus, der größere Wellen schlug, ihre aktive Studierendenschaft aufgelöst und fiel in einen Dornröschenschlaf. Da kleinere Änderungen an ihrem Internetauftritt darauf hindeuten, dass sie sich aktuell zu berappeln versucht, statteten wir ihr im Rahmen der Vorabenddemo mal wieder einen Besuch auf dem Schlossberg ab, um klar zu machen, dass wir bereit stehen, um das zu verhindern. Dort angekommen saßen tatsächlich zwei Burschis in Couleur auf dem Balkon der Villa Stückgarten, die von einem massiven Polizeiaufgebot bewacht wurde. Wir haben schon öfter gezeigt, dass unsere antifaschistischen Interventionen der Nazi-Verbindung ordentlich zusetzen können und werden alles dafür tun, dass die Normannia am Boden bleibt!
Wie bereits im letzten Jahr beendeten wir unsere Demo im Anschluss auf dem Karlsplatz, wo sich die Turnerschaft Ghibellinia und die Burschenschaft Allemannia wieder in ihren Häusern verschanzt hatten, und beschallten die Villen auf dem Schlossberg noch einmal mit feministischen, antifaschistischen und Anti-Burschi-Parolen.
Im Anschluss an die Demo kam es bei einer weiteren Aktion noch zu Schikanen der Staatsgewalt: Seit die Burschenschaften in Heidelberg am 30. April keine rechten Lieder mehr auf dem Marktplatz singen, wird der Mai von einigen Antifaschist*innen mit der Internationalen und weiteren Arbeiter*innenliedern begrüßt – auch um zu mahnen an die öffentlichwirksame Präsenz, die Rechte und Nazis in den 1990er Jahren in Heidelberg noch hatten und um den Marktplatz zu füllen, damit die reaktionären Männerbünde nie mehr so Fuß fassen können in der Stadt. In diesem Jahr griff die Polizei diesen Brauch an: Schnell standen drei Wannen auf dem Marktplatz, deren mit Schlagstöcken und Pfefferspray ausgerüstete Besatzung Macht demonstrieren wollte. Die Androhung der Personalienaufnahme und einer Anzeige hinderte die Antifaschist*innen nicht daran, das antifaschistische Maiansingen durchzuziehen und mit „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ von Ton Steine Scherben selbstbestimmt zu beenden.
Wir freuen uns schon auf den nächsten 30. April! Kampf dem Faschismus!
Im Folgenden dokumentieren wir alle Redebeiträge, die auf der Demonstration gehalten wurden.
Rede der AIHD bei der Auftaktkundgebung an der Stadtbücherei

Liebe Genoss*innen,
zunächst möchten auch wir als Antifaschistische Initiative Heidelberg euch alle zur heutigen Demo begrüßen. Wir freuen uns, dass so viele Menschen heute hier sind, um ein kämpferisches antifaschistisches und feministisches Zeichen gegen die rechten Männerbünde zu setzen. Damit knüpfen wir an die jahrzehntelangen linken Demonstrationen und Veranstaltungen am Vorabend des 1. Mai an. Denn weiterhin gilt: Burschifrei in den 1. Mai!
Seit mehr als eineinhalb Jahrhunderten stehen Studentenverbindungen für reaktionäre Inhalte, für antisemitische und rassistische Ideologien, für völkischen Nationalismus, für Militarismus, für Elitedenken und Menschenverachtung. Das gilt nicht für alle Korporationen gleichermaßen: Es gibt beträchtliche Unterschiede, aber das Spektrum reicht von rechtskonservativ bis offen faschistisch. Zwar geben sich manche Verbindungen aktuell gerne einen etwas liberaleren Anstrich, weil sie allzu braune Umtriebe als karriereschädigend betrachten. Untereinander bestehen aber enge Kontakte, und auch die angeblich Gemäßigten besuchen beim so genannten Kneipenbummel oder Feiern die Häuser der unverblümten Faschisten.
Vor allem bei den Burschenschaften, aber auch in anderen Männerbünden tummeln sich zahllose Rechte aller Parteien und Organisationen – von der AfD bis hin zu Stiefelnazis und zur Identitären Bewegung. Durch das Karrierenetzwerk der Verbindungen landen die Faschisten in führenden Positionen – sei es als AfD-Abgeordnete und deren Mitarbeiter, sei es in der Wirtschaft. Zudem findet hier ein enger Austausch mit anderen reaktionären Kreisen statt, denn über die Alten Herren – die nicht mehr studierenden Mitglieder der Verbindungen – reichen die guten Kontakte auch in die sog. Parteien der Mitte und angeblich gemäßigte Kreise.
Eine zentrale Rolle spielt bei vielen das militärische Denken, das nicht nur in der Werbung für die Bundeswehr sichtbar ist, sondern auch im Verbindungsleben mit seinen extremen Hierarchien. Befehl und Gehorsam, Strafen und Demütigungen prägen selbst das „gesellige Beisammensein“: Saufen auf Befehl ist ebenso Standard wie das Verbot, ohne ausdrückliche Erlaubnis eines Höhergestellten pinkeln zu gehen. Und erst recht zeigt sich das Militärische im Konzept der sog. schlagenden Verbindungen. Bei den Mensuren – einer Art Ehrenduell mit Säbeln – geht es um blutige Selbstaufgabe gegenüber der Verbindung, um ein Modell der männlichen und kollektiven „Ehre“ aus dem 18. oder 19. Jahrhundert – und selbstverständlich um Kampf.
Aus diesem Konzept einer militärischen Männlichkeit ergibt sich der aggressive Antifeminismus der Verbindungen: Das Frauenbild stammt bestenfalls aus den 1950er Jahren, und TINA*-Personen existieren in diesem Weltbild überhaupt nicht. Die Villen am Schlossberg sind Hochburgen des Patriarchats in seiner reaktionärsten Form. Das rechte Treiben findet nicht nur hinter verschlossenen Türen in den Männerrunden statt, sondern zeigt sich auch immer wieder aggressiv in der Öffentlichkeit: Burschenschaften und andere Studentenverbindungen fallen immer wieder durch Angriffe gegen Jüd*innen, rassifizierte Menschen, FLINTA* und Queers auf. Diese Angriffe sind in der korporierten Welt keine erstaunlichen Einzelfälle, sondern regelmäßiger Ausdruck der Ideologie der reaktionären Männerbünde.
Das prominenteste Beispiel für eine aggressiv völkische Burschenschaft war die Normannia, bei der später auch die Demoroute vorbeiführt. Seit Jahrzehnten war Antifaschist*innen bekannt, dass es sich hier um eine offen faschistische und NS-verherrlichende Korporation handelt. Auch in Verbindungskreisen kursierte der Spruch: „Wenn du mal ordentlich rumhitlern willst, geh zur Normannia“. Unter anderem war die Normannia 2010 am so genannten Arierparagrafen für den Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ beteiligt, der Bewerber mit „nichteuropäischer Gesichtsmorphologie“ ausschließt. Dass 2012 der Generalconvent der Normannia die Empfehlung – wohlgemerkt nur die Empfehlung – abgab, die „Bundesbrüder“ mögen in der Öffentlichkeit auf die sonst übliche Begrüßung mit „Heil!“ verzichten – das erklärt ja wohl einiges. Erst 2020 erregte das faschistische Treiben überregionale Aufmerksamkeit, als es am 28. August 2020 zu einem antisemitischen Übergriff auf dem Haus der Burschenschaft Normannia kam: Ein anderer Verbindungsstudent räumte ein, eine jüdische Großmutter zu haben. Daraufhin wurde er von den Burschenschaftern mit Gürteln verprügelt und mit Geld beworfen. In Folge des Vorfalls nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf und die Normannia löste ihre Aktivitas, die aktive Studentenschaft, auf. Das Verfahren war geprägt von Schweigen und Lügen seitens der Burschenschafter und im Urteil wurde das politische Motiv nicht anerkannt. Seit 2020 gibt es in Heidelberg zwar keine studierenden Normannen mehr, aber die Nazi-Burschenschaft ist damit nicht aufgelöst. Und aktuell hofft sie offenbar, dass genug Gras über den antisemitischen Angriff gewachsen ist und sie die Burschenschaft wiederbeleben kann. Sollte sie versuchen, ein neues Kapitel zu starten, stehen wir bereit, um das zu verhindern!
Aber die Normannia ist nur die braune Spitze des reaktionären Eisbergs, den das Korporationswesen bildet. Diesen Eisberg gilt es abzuschmelzen: Feuer und Flamme den Verbindungen! Gegen Faschisten aller Couleur!
Die patriarchalen Korporationen stehen diametral zu sämtlichen feministischen Forderungen. Wir werden in der Walpurgisnacht klar machen, dass wir die Männerbünde zerschlagen werden. Denn wir sind die Enkel*innen der Hexen, die sie nicht verbrennen konnten! Burschenvillen zu Frauenhäusern! Burschis in den Neckar fegen!
Rede von SJD – Die Falken bei der Auftaktkundgebung an der Stadtbücherei

Liebe Genoss:innen, liebe Anwesende,
wenn wir heute über Militarisierung sprechen, dann dürfen wir nicht so tun, als sei sie einfach eine spontane, logische Reaktion auf aktuelle Krisen. Militarisierung fällt nicht vom Himmel. Sie hat Tradition, sie hat einen Zweck. Sie hat Institutionen. Sie hat Milieus, in denen sie kulturell vorbereitet, ideologisch legitimiert und personell reproduziert wird. Ein solches Milieu sind bis heute Burschenschaften, Corps und andere Verbindungen.
Wer diese Organisationen nur als folkloristische Relikte mit Bierkrügen, Couleur und lächerlichen Ritualen abtut, verkennt eine politische Funktion. Hinter den mal mehr mal weniger bunten Bändchen steckt eine autoritäre Sozialisation: Hierarchie, Unterordnung, Männerbund, Disziplin, Gehorsam, Opferbereitschaft und ein nationalistisches Ehrverständnis.
Bereits historisch waren Burschenschaften eng mit dem Militarismus verflochten. Die frühen Burschenschaften entstanden im Kontext der antinapoleonischen Kriege – viele ihrer Gründungsfiguren kamen direkt aus militärischen Freikorps. Schon der Ursprung ist also nicht demokratisch geschweige denn emanzipatorisch, sondern nationalistisch und soldatisch geprägt.
Im Kaiserreich wurden insbesondere Corps zu Kaderschmieden des preußischen Militär- und Beamtenadels. Das ist kein Zufall. Das Corpswesen trainierte genau jene Habitusformen, die für herrschende Eliten zentral waren: Standsbewusstsein, Härte, Autorität und Klassenarroganz.
Besonders deutlich wird das an der Mensur. Die Narbe im Gesicht – der sogenannte Schmiss – ist eben nicht nur Tradition oder Mutprobe. Sie ist Symbol einer Ideologie: Schmerz wird verklärt, Verletzung wird heroisiert, körperliche Härte wird zum moralischen Wert erhoben. Der Körper wird diszipliniert und zur Projektionsfläche soldatischer Männlichkeit gemacht. Diese Form militarisierter Männlichkeit ist politisch.
Sie produziert ein Menschenbild, in dem Stärke über Solidarität steht, Gehorsam über Kritik und Opferbereitschaft für Nation und Staat, über individuelleer Selbstbestimmung.
Im Ersten Weltkrieg zeigte sich die tödliche Konsequenz dieser Ideologie besonders offen. Korporierte Studenten meldeten sich überproportional freiwillig an die Front und stilisierten den Krieg zur „großen Mensur“. Das Massensterben wurde romantisiert, der Tod wurde heroisiert, der Nationalismus als Selbstbefreiung verklärt.
Nach 1918 standen viele Korporierte nicht auf Seiten demokratischer geschweige denn sozialistischer Bewegungen, sondern schlossen sich proto-faschistischen Freikorps an – also genau jenen paramilitärischen Verbänden, die Arbeiteraufstände niederschlugen und linke Bewegungen blutig bekämpften. Die Morde an Arbeiter:innen, die Niederschlagung der Münchner Räterepublik, der Kapp-Putsch und am bekanntesten die Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht: überall finden sich personelle und ideologische Überschneidungen mit Corps und Burschenschaften.
Das ist die historische Wahrheit: Diese Verbindungen standen nie neutral zwischen den Klassen. Sie standen auf Seiten von Nation, Eigentum und autoritärer Ordnung.
Und heute?
Auch heute sehen wir Kontinuitäten. Burschenschaften und Corps sind weiterhin Rekrutierungs- und Vernetzungsräume konservativer, rechter und nationalistischer Eliten. In ihren Häusern sprechen Ex-Generäle, Reservisten und rechte Publizisten; Bundeswehrnähe ist kein Randphänomen, sondern strukturell angelegt. Noch immer werden soldatische Tugenden wie Kameradschaft, Pflichterfüllung und Wehrhaftigkeit glorifiziert. Das ist kein nostalgischer Zufall, sondern hochaktuell. Denn während die Bundesregierung von „Kriegstüchtigkeit“ spricht, hunderte Milliarden in Aufrüstung steckt und eine gesellschaftliche Normalisierung des Militärischen vorantreibt, existieren solche Milieus bereits als ideologische Vorfeldorganisationen.
Wenn heute von „Kriegstüchtigkeit“ und Zeitenwende gesprochen wird, geht es nicht nur um neue Waffen und höhere Militärbudgets. Es geht auch darum, das Militärische wieder gesellschaftlich zu normalisieren.
Burschenschaften und Corps sind dafür passende ideologische Räume: Hier werden Hierarchie, Nationalismus und soldatische Werte bis heute reproduziert.
Genau hier schließen sich historische und aktuelle Linien. Natürlich leben wir nicht mehr im Kaiserreich oder im Nationalsozialismus, bei dem viele Verbindungen proaktiv mitgemordet haben. Aber Ideologien verschwinden nicht einfach – sie passen sich an.
Wo früher offen vom Vaterland und Heldentod gesprochen wurde, heißt es heute „Verantwortung in der Welt“, „Verteidigungsfähigkeit“ oder „strategische Autonomie“.
Doch der Kern bleibt gleich: Militarisierung soll gesellschaftlich normal werden.
Und deshalb reicht es nicht, nur Panzerdeals oder Rüstungshaushalte zu kritisieren.
Wir müssen auch jene kulturellen und ideologischen Apparate angreifen, die Militarismus reproduzieren – an Hochschulen, in Elitenetzwerken und eben auch in Burschenschaften und Corps.
Unser Gegenmodell ist nicht nationale Wehrhaftigkeit, sondern internationale Solidarität.
Unser Gegenentwurf ist eine Gesellschaft, in der Staatenkonkurrenz erst gar nicht nötig ist.
Aufrüstung und nationale Konkurrenz schaffen keine Sicherheit.
Wer Militarisierung bekämpfen will, muss deshalb nicht nur Waffenprogramme kritisieren, sondern auch die Milieus, die militaristisches Denken normalisieren.
Wer heute gegen Militarisierung kämpfen will, muss verstehen: Die neuen Waffenprogramme stehen nicht isoliert da. Sie bauen auf alten autoritären Traditionen auf.
Stahlhelm und Schmiss sind keine historischen Kuriositäten. Sie sind Ausdruck einer politischen Kultur, deren Geist bis heute weiterlebt, nicht zuletzt im Keller der Normannia.
Es liegt an uns, diesen Kontinuitäten etwas entgegenzusetzen.
Kein Frieden mit dem Militarismus – weder in Uniform noch in Couleur.
Freundschaft!
Rede der Linksjugend [’solid] bei der Zwischenkundgebung auf dem Uniplatz

Liebe Genoss*innen, liebe Freund*innen,
Wir, die linksjugend [’solid] stehen heute hier, um als antifaschistischer und feministischer Jugendverband daran mitzuwirken, den Erfolg der letzten knapp 30 Jahren zu verteidigen. Antifaschist*innen haben es damals geschafft, den 30. April in Heidelberg burschifrei zu bekommen und dazu hatten sie gute Gründe. Die Burschenschaften präsentieren sich als Gemeinschaft, deren höchstes Ziel es ist, Tradition und Werte zu bewahren und im Alltag zu präsentieren. Es soll nach dem Motto „Ehre, Freiheit, Vaterland“ gelebt werden, das als schlicht konservativ dargestellt wird. Durch die Männerbünde bauen sie sich Räume, in denen ihre Werte offen ausgetragen und gelebt werden können. Und diese Räume brauchen sie, denn diese Werte sind alles andere als harmlos, sondern zutiefst rassistisch, nationalistisch und antifeministisch. Durch die Strukturen der Korporationen wird Macht gebündelt, Hierarchien werden aufrechterhalten und es wird sich gegenseitig im reaktionären, elitären und nationalistischem Weltbild bestätigt. Dass das Ganze Erfolg hat, zeigt sich ganz lokal in Heidelberg direkt: Schon der fünfte Satz auf dem Wikipediaartikels ders Oberbürgermeisters Eckart Würzners verrät uns, dass der parteilose, neutral wirkende Politiker Mitglied ist in der Corps Suevia Heidelberg, einer pflichtschlagenden Studentenverbindung. Pflichtschlagend heißt hier, dass die Mitglieder der Corps regelmäßig an Fechtduellen, genannt Mensuren, gegeneinander antreten müssen. Die selbstgewählten Sprüche der Verbindung lauten: „Dem in der Tugend Beständigen leuchtet das Heil!“ und „Das Schwert sei unser Rächer!“. So erklärt sich auch, wieso ein Heidelberger DAX-Unternehmen seit kurzem auch Waffen produziert. Der ehemalige Rektor der Universität Heidelberg Bernhard Eitel ist ebenfalls Verbindungsmitglied, und das gleich dreifach: In der Katholisch-Deutschen Studentenverbindung (K.D.St.V) Normannia zu Karlsruhe, in der K.D.St.V. Arminia Heidelberg und K.D.St.V. Ferdinandea Prag zu Heidelberg. Beide werden sicher für ihren beruflichen Erfolg viel gearbeitet haben. Ein Schelm, wer denkt, dass ihnen rechte, reaktionäre, sexistische und nationalistische Männerbunde geholfen haben. Die Ideologie der Burschenschaften basiert auf durch und durch patriarchalen Vorstellungen wie der selbstauferlegten männlichen Überlegenheit und der damit einhergehenden Dominanz. Genau hier wird der seit Beginn an vorhandene antifeministische Grundgedanke der Burschenschaften sichtbar. Sie befürchten, dass Veränderungen, die durch den Feminismus erstrebt werden sollen, die ihnen dienende Hierarchie, die sie mit Privilegien versorgt, dekonstruieren würden. Die Männerbünde halten an einem starken Bild des Binarismus und den angeblich biologischen Eigenschaften von Männern und Frauen fest, welche dann die Dominanz von Männern über Frauen begründen sollen. Dieses patriarchale, antifeministische Weltbild zeigt sich auch an ihren politischen Aktionen. Sie versuchten bspw. die Zulassung von Frauen an Universitäten Ende des 19. Jahrhunderts zu verhindern und wollten, dass diese zurück in ihre „natürlichen Sphären“, den privaten Raum gedrängt werden. Außerdem untermauern die Korporationen ihre eigene Überlegenheit durch ein traditionelles und heteronormatives Männlichkeitsbild, das sie durch ihre Tätigkeiten innerhalb der Verbindungen reproduzieren. Männlichkeit wird mit einigen Ausschlusskriterien verbunden und es wird ein Dominanzverhältnis zu anderen, angeblich verweichlichten Männern geschaffen. Burschenschaften stellen sich also generell gegen alle Menschen, die nicht in ihr Weltbild passen, und sind deshalb als Gefahr für FLINTA*, PoC und andere Menschen zu verstehen.
Deshalb organisieren wir uns gegen diese Männerbünde und sorgen heute gemeinsam dafür, dass Heidelberg auch in diesem Jahr burschifrei bleibt!
Rede der Seebrücke Heidelberg bei der Zwischenkundgebung vor dem Haus der Burschenschaft Normannia

Liebe Genoss*innen,
vor sechs Jahren wurde auf dem Haus der Nazi-Burschenschaft Normannia, vor dem wir jetzt stehen, ein Verbindungsstudent der Alten Leipziger Landsmannschaft Afrania und Mitglied der Jungen Alternative mit Gürteln verprügelt und mit Geld beworfen, nachdem er erzählt hatte, dass seine Oma Jüdin ist. Als danach die Staatsanwaltschaft begann, zu ermitteln, löste die Normannia ihre aktive Studierendenschaft auf und Heidelberg hatte eine Weile Ruhe von der Nazi-Burschenschaft. Drei Jahre später beschloss sie zwischenzeitlich ihre Umbenennung in Cimbria sowie den Austritt aus dem Dachverband Deutsche Burschenschaft. Damit versuchte sie, sich einen neuen Anstrich zu geben, um in der Stadtgesellschaft nicht mehr als gewalttätige Nazi-Organisation wahrgenommen zu werden. Nicht nur führte dies zu einer Austrittswelle von Alten Herren, die nicht unterzeichnen wollten, dass sie „jeden Extremismus“ von „links bis rechts“ ablehnen und die „Verbrechen des Nationalsozialismus“ anerkennen, der Imagewechsel klappte auch ganz und gar nicht – zu Recht, denn der antisemitische Übergriff auf der Villa Stückgarten ist nur der Gipfel des braunen Scheißebergs im Hause der Normannia.
Zu ihren Mitgliedern zählen unter anderem der AfD-Bundestagsabgeordnete Christian Wirth, Michael Paulwitz, Autor des rechtsradikalen Käseblatts Junge Freiheit und ehemaliger Politiker der Republikaner sowie mehrere Mitglieder der Identitären Bewegung, wie zum Beispiel Patrick Bass, der sich als Rapper versuchte und heute Anwalt in einer einschlägigen Kanzlei ist. Referieren sollten auf dem Haus der Normannia in der Vergangenheit alle rechten Parteien von CDU über FDP bis AfD und NPD, so hielt beispielsweise der Heidelberger AfD-Bundestagsabgeordnete Malte Kaufmann dort 2018 einen Vortrag über „Wirtschafts- und Europapolitik aus christlichem Blickwinkel“, die Vorträge von Vertretern der CDU und FDP wurden nach antifaschistischen Veröffentlichungen abgesagt. „Rumgehitler“ gehörte auf dem Haus zum Alltag – so dokumentiert ein Foto, wie ein Mitglied der Kölner Burschenschaft Germania auf dem Haus den Hitlergruß zeigt, neben einem Manager der MVV Regioplan GmbH, einem Mannheimer Energieversorgungsunternehmen, den das kaum zu stören scheint. Und auffällig ist ebenfalls, dass am 20. April – Hitlers Geburtstag – auf dem Haus häufig Feiern abgehalten wurden. Bei Stiftungsfesten wurden alle drei Strophen des Deutschlandliedes gesungen – in einem Jahr begleitet vom Polizeiorchester. Diese hielt 2010 vertreten durch den stellvertretenden Polizeipräsidenten Mannheims bei der Normannia einen Vortrag zum Thema „Migrantenproblematik“. Die Villa Stückgarten war jahrelang ein zentraler Vernetzungsort der regionalen Rechten. Die Identitäre Bewegung hielt dort auch ihre Stammtische ab.
Die IB ist eine bedeutende Struktur der sogenannten „Neuen Rechten“. Diese zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie behauptet, verschiedene „Kulturen“ dürften sich nicht vermischen. So wertet sie Menschen vordergründig nicht mehr auf Grund von „Rasse“konstruktionen ab – da offene Bezugnahmen auf den Nationalsozialismus auch in der bürgerlichen Mitte aktuell nicht angesagt sind – sondern verschleiert dies durch den Begriff „Kultur“. Dieser fungiert aber beinahe als Synonym und so leicht neu angemalt hat die bürgerliche Mitte häufig schon weniger Probleme mit rechtsradikalen Inhalten. So geben sich die neurechten Nazis im Gegensatz zu den klassischen Nazis modern, knüpften stylistisch da an, wo Hipster in den 2010ern begonnen hatten und setzen stark auf Social Media, worüber sie versuchen, subtil ihre rechtsradikalen Inhalte zu verbreiten. Mögen sie sich anders präsentieren, geht von ihnen auch physische Gewalt aus – beispielsweise griffen Identitäre und Normannen 2019 das linke Zentrum Ewwe longt´s in Mannheim an. Eine ähnliche Gruppe von acht Identitären versuchte 2018 auch eine Kundgebung der Seebrücke Heidelberg zu stören. Unter dem Slogan „Defend Europe“ charterte die Identitäre Bewegung 2017 ein Schiff, um Seenotrettungsorganisationen zu belästigen und Flüchtende an der Überfahrt über das Mittelmeer zu hindern. Diese Aktion scheiterte zum Glück und endete damit, dass die Identitären selbst einen Hilferuf absenden mussten, weil ihr Motor vor der libyschen Küste ausgefallen war. Sea-Eye wurde beordert, den Nazis in Seenot zu helfen, was die Nazis ablehnten – stattdessen verließen sie das Boot und ließen die Crew ohne Geld und Nahrung zurück. Mehrmals besetzten Mitglieder der Identitären Bewegung Geflüchtetenunterkünfte. Martin Sellner, einer ihrer führenden Köpfe, prägte den Begriff der „Remigration“. In seinem gleichnamigen Buch stellte er die Forderung auf, Ausländer*innen und sogenannte „nicht assimilierte Deutsche“, also zum Beispiel politische Gegner*innen wie wir, zu deportieren. Bei dem von Correctiv enthüllten Geheimtreffen 2023 in Potsdam stellte er seinen selbstbetitelten „Masterplan zur Remigration“ Vertreter*innen von AfD, CDU sowie Unternehmer*innen vor. Im Anschluss griff die AfD diese Forderung vollumfänglich auf und verankerte sie in ihrem Wahlprogramm. Maximilian Krah, der kurz zuvor als Spitzenkandidat der Partei von dieser noch ein Auftrittsverbot erhalten hatte, nachdem er gesagt hatte, mensch könne nicht alle SS-Soldaten als Verbrecher bezeichnen, warnte vor der Übernahme des Remigrationsbegriffs aus Angst vor einem Parteiverbot. Dies brachte ihm in der Partei das Standing eines Verräters ein. Denn Lena Kotré, brandenburger AfD-Landtagsabgeordnete, formulierte die Position der AfD auf einem Treffen mit Mitgliedern des Nazi-Netzwerks Blood and Honour wie folgt: Alles bis zur Holocaustverharmlosung und Hitlerverherrlichung sei Aufgabe der AfD. Holocaustverhermalosung und Hitlerverherrlichung benennt sie aber auch nicht als falsch, sondern ergebe nur „keinen Sinn“. Die Heidelberger AfD steht ebenfalls fest hinter den Deportationsplänen – so trägt der Stadtrat Timethy Bartesch gerne goldene Manschettenknöpfe in Flugzeugform, um „ein Zeichen zu setzen für Remigration“. Für diese widerlichen Gestalten ist das Leid von Menschen ein Modeaccessoire. Bartesch und Albert Maul, ebenfalls Stadtrat, waren 2025 auch zum wiederholten Mal zu Gast beim Sommerfest von Götz Kubitschek in Schnellroda. Kubitschek und weitere Gestalten aus dem Umfeld seines neurechten „Instituts für Staatspolitik“ hatten 2013 die Idee, das Konzept der Identitären Bewegung aus Frankreich zu übernehmen und gingen dazu im Milieu der Burschenschaften auf Kadersuche.
Egal ob sie es mit Konstruktionen von „Rasse“ begründen oder mit Konstruktionen von „Kultur“, ob „Remigration“ oder der „Arierparagraph“ der Deutschen Burschenschaft – einig sind sie sich im Ziel der ethnischen Säuberung. Die Burschenschaft Normannia war in Heidelberg die relevante Schnittstelle zwischen Studentenverbindungen, der Neuen Rechten, Neonazis, Faschist*innen, „Konservativen“, Wirtschaft und Polizei. Mitte 2025 hat die Nazi-Burschenschaft ihren Internetauftritt wieder in Normannia umbenannt. Einige wenige Instagram-Posts und die Umbenennung könnten darauf hindeuten, dass sie sich zu berappeln versucht. Aber wir stehen bereit, um das zu verhindern. Götz Goebel, alter Herr der Normannia, schrieb: „Ich fasse es nicht, dass es der Antifa offenbar in kürzester Zeit gelungen ist, jahrzehntelang gewachsene Freundschaften völlig unnötig zu zerstören.“ Das zeigt: Unsere antifaschistischen Interventionen wirken! Eine Studentenverbindung aus München äußerte 2020 sogar die Sorge, die Villa Stückgarten könnte an die Antifa fallen.
Das begrüßen wir: Burschivillen zu autonomen Zentren! Und vor allem: Ob AfD, IB oder Deutsche Burschenschaft – Kampf dem ganzen Nazipack!
Rede der ROSA Hochschulgruppe bei der Abschlusskundgebung auf dem Karlsplatz

Liebe Genoss:innen, liebe Freund:innen,
wir haben jetzt schon oft gehört, dass Burschenschaften sexistisch sind, ihre Struktur zutiefst patriarchal, ihre konservativen „Werte“ regressiv. Aber warum ist das so und anhand welcher Merkmale und Beispiele lässt sich das festmachen? Um diese Fragen zu beantworten, werfen wir einen Blick in die Organisationsstruktur sowie die sexistische Geschichte der Burschenschaft und machen zuletzt einen kurzen Exkurs in die gemischten und die Damenverbindungen.
Zunächst zu Sexismus in Organisationsstruktur und Geschichte:
Burschenschaften sind traditionell sog. Männerbünde, also Gruppen, in die nur Menschen aufgenommen werden, die in einem veraltet-binären Geschlechtermodell als Männer gelten. Jetzt könnte mensch sagen, das liege daran, dass die allermeisten Burschenschaften älter sind als das Recht der Frau auf ein ordentliches Studium, das im deutschen Reich erst 1909 eingeführt wurde. Wenn eine Frau nicht studieren darf, kann sie auch nicht in eine studentische Gruppe aufgenommen werden, so weit, so logisch. Aber diese Argumentation zieht die Burschenschaften aus der Verantwortung, denn die entscheidende Frage ist an dieser Stelle doch: Wer ist schuld daran, dass Frauen hier so lange nicht studieren durften? Die Burschen und die alten Herren, die an der Uni selbst und in den allgemein politischen und spezifisch gesetzgebenden Instanzen antifeministische Politik gemacht haben. Und um einmal ihren tatsächlichen Einfluss zu belegen: 1902 waren ca. 52% aller Universitätsstudenten korporiert, eine absolute Mehrheit. Die Burschenschaften sind nicht schuldlos, weil „das damals halt so war“, sie sind nicht die Opfer ihrer Zeit, sie sind die Täter ihrer Zeit!
Ihre sexistische Einstellung ist verwurzelt in ihrer traditionalistisch patriarchalen Weltanschauung, die sich wiederum durch ihren nationalistischen Schwerpunkt begründen lässt: Die Rolle der Frau in der Nation müsse sein, deutsche Kinder zu gebären und für sie zu sorgen. Das wird dann noch verstärkt durch die Ethnisierung derselben nationalistischen Ideologie im 20. Jahrhundert, hier soll die Frau den Fortbestand der Rasse sichern.
Eine wichtige Rolle spielt aber auch die Legitimation der eigenen Organisationsstruktur. Die Entstehung von Männerbünden wird, laut Thomas Schweizer, unter anderem von „männlicher Überlegenheitsideologie“ begünstigt. Ein Männerbund kann nur dann weiterbestehen, wenn er seine eigenen ideologischen Existenzbedingungen aufrechterhält: Also eine Burschenschaft ist ein Männerbund, weil sie sexistisch ist, aber sie ist auch sexistisch, weil sie ein Männerbund ist!
Diese sexistische Ideologie wird auch durch die Hauptmerkmale einer Korporation noch verstärkt, so bedeuten bundesbrüderliche Freundschaft, Ehrenkodex und Lebensbundprinzip in der Realität vor allem eins: Bedingungslose, lebenslange Treue zu den Bundesbrüdern, auch wenn diese z.B. der Vergewaltigung beschuldigt werden. Nun ist die Ausrede der Verbindungen heutzutage, dass alle Diskriminierungsprobleme in der Vergangenheit liegen würden und das aktuell alles ganz tadellos unproblematisch sei. Denn wenn Studentenverbindungen so sexistisch sind, warum gibt es dann auch gemischte- und reine Damenverbindungen?
Hierzu müssen wir geschichtlich wieder etwas ausholen:
Die ersten Studentinnenvereine werden ab 1909 gegründet (wir erinnern uns: Einführung des Rechts auf ein ordentliches Studium). Dabei geht es wahrscheinlich zunächst darum, überhaupt hochschulpolitisch aktiv zu sein, bei den Männerbünden durfte frau ja nicht mitmachen, wurde viel eher von ihnen, wie von den Dozenten sexistisch angefeindet. So vermutet Barbara Stambolis, dass Studentinnen sich „gegen männliche Alleinvertretungsansprüche in der Politik“ organisiert haben. Diese anfangs lose Organisierung wird dann etwa um 1916 strukturierter, wobei sich die Studentinnenvereine an den Studentenverbindungen orientieren, Teile ihres Regelwerks (des sog. „Comments“) übernehmen und teilweise beginnen, Couleur zu tragen, sie werden zu Damenverbindungen.
Die nun entstandenen Damenverbindungen werden 1938 im Zuge der nationalsozialistischen Gleichschaltung verboten und gründen sich 1945 nicht neu, im Gegensatz zu vielen der Studentenverbindungen. Ab den 1960ern dann werden wegen Existenz- und politischen Drucks die ersten Studentenverbindungen für Frauen geöffnet, das sind aber vor allem Akademisch Musikalische Verbindungen und Akademische Turnvereine, traditionell schlagende Verbindungen wie Corps und Burschenschaften bleiben Männerbünde. Ab den 1980ern dann werden wieder vermehrt Damenverbindungen gegründet, aber diesmal nicht mit der Vorgeschichte des Bedürfnisses nach Organisierung, sondern mit dem primären Ziel, auch in studentischen, traditionalistisch-nationalistischen Kreisen mitzumischen.
Aber der eingeschränkte Zugang und auch die sexistische Grundeinstellung, die dafür sorgt, dass Frauen schlicht nicht eintreten wollen, macht sich letztendlich in den Zahlen bemerkbar: So schätzt Alexandra Kurth im Jahr 2004, dass der „Gesamtanteil von Verbindungsstudentinnen […] bei etwa einem bis fünf Prozent liegen dürfte“. Und bei den Burschenschaften hat sich bis heute nichts geändert: Auch heute noch dürfen Frauen nicht Mitglied werden, sondern höchstens als Partnerin eines Mitglieds, also als Couleurdame, zu gemischten Gesellschaften mitgebracht werden.
Was wir hoffentlich mit dieser Rede klarmachen konnten, ist: Verbindungen und besonders Burschenschaften sind inhärent sexistisch, aufgrund ihrer Geschichte, ihrer nationalistischen Ausrichtung, ihrer Struktur. Und aufgrund der Struktur sind sie unfähig, sich zu ändern. Sie waren sexistisch, sie sind sexistisch und sie werden sexistisch bleiben und deshalb können sie uns als Studierende niemals repräsentieren!
Die Studierendenschaft und die Wissenschaft lebt von Diversität und von Selbstorganisierung! Burschenschaften sind eine aktive Gefahr für uns und unsere Komiliton:innen und haben keinen Platz in dieser Studierendenschaft! Heute wie jedes Jahr gilt: Sexistisch, nationalistisch, ekelhaft: Das ist die Deutsche Burschenschaft!
Rede der VVN-BdA Heidelberg bei der Abschlusskundgebung auf dem Karlsplatz

Liebe Mitstreiter*innen,
wir freuen uns, dass wir heute hier als Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist*innen Heidelberg sprechen dürfen. Seit Jahren müssen wir mit Entsetzen beobachten, wie rechte und faschistische Tendenzen und Weltbilder sich immer mehr breitmachen – und vor allem: wie sie inzwischen allzu unwidersprochen hingenommen werden. Die AfD erringt einen Wahlerfolg nach dem anderen, und in einzelnen Bundesländern drängt sie nach einer Regierungsbeteiligung. Die so genannten Parteien der Mitte schließen sich der Rechtsentwicklung an und sind in einen Überbietungswettbewerb eingetreten: Sie alle versuchen, die rassistischen, nationalistischen und sonstigen menschenverachtenden Inhalte der AfD aufzugreifen und erfolgreich in die Tat umzusetzen. Auf diese Art wollen sie der AfD die Wähler*innen abspenstig machen. Oder, wie es die CDU-Bundestagsabgeordnete Julia Klöckner sehr unverblümt formulierte: „Für das, was ihr wollt, müsst ihr nicht die AfD wählen.“
Und diese Situation ist kein rein inländisches Phänomen, sondern muss als Teil einer globalen Rechtsentwicklung gesehen werden. In verschiedenen europäischen Ländern, in den USA und in zahllosen weiteren Staaten sind ultranationalistische, rassistische und extrem autoritäre Kräfte an der Regierung. Zeitgleich nehmen Aufrüstung, Waffenexporte, Militarisierung und Kriege einen rasanten Aufschwung.
Angesichts dieser Entwicklungen werden Erinnerungen an schlimmste Zeiten wach, die hier in Deutschland im NS-Faschismus in blutiger Verfolgung aller Gegner*innen, in Vernichtungskrieg und industrieller Massenvernichtung gipfelten. Es ist wichtig, sich dabei die Kontinuitäten der völkischen Ideologie vor Augen zu führen: Der NS-Faschismus entstand nicht über Nacht – und ebenso wenig endete er mit der Befreiung am 8. Mai 1945. Dabei darf die Rolle nicht unterschätzt werden, die Studentenverbindungen für die Entstehung und Ausbreitung sowie später für das Fortdauern rechter Ideologie und faschistischer Netzwerke hatten – und teilweise haben. Zunächst waren dabei jüdische Menschen das zentrale Feindbild der Korporierten: Im Kaiserreich forcierte zunächst vor allem der „Verein Deutscher Studenten“ einen aggressiven Antisemitismus im universitären Bereich, indem er die vollkommene Entrechtung der jüdischen Bevölkerung forderte. Andere Studentenverbindungen griffen diese Hetze begierig auf, insbesondere die Burschenschaften: Schon 1920 beschloss der Dachverband der Burschenschaften einen „Arierparagrafen“: Alle Mitglieder mussten per Stammbaum garantieren, keine jüdischen Vorfahren zu haben – und Gleiches galt für ihre künftigen Ehefrauen. Weitere Dachverbände der Studentenverbindungen schlossen sich in den Folgejahren an. Die Korporationen hatten sich zu dieser Zeit schon lange zu Hochburgen völkischen und nationalistischen Gedankenguts entwickelt. Dieser wurde auch mörderisch in die Tat umgesetzt: Zu nennen sind hier die blutigen Massaker an der Rätebewegung, die die oft studentischen Freikorps am Ende des Ersten Weltkriegs verübten, gefolgt von zahllosen Fememorden an politischen Gegner*innen.
Die erstarkende NS-Bewegung erhielt begeisterten Zulauf aus verbindungsstudentischen Reihen, und entsprechend stark war die NSDAP in Universitätsstädten. In der Weimarer Republik war es ein alltäglicher Anblick: Studenten, die das Braunhemd der Nazi-Miliz SA zusammen mit den Farben ihrer Verbindung trugen. Diese Entwicklung lässt sich gut am Beispiel Heidelbergs zeigen: Die Korporationen waren maßgeblich an den wüsten antisemitischen und antisozialistischen Hetzkampagnen gegen den Statistikprofessor Emil Julius Gumbel beteiligt, und die NSDAP verbuchte Rekorderfolge bei den Wahlen in Heidelberg.
Auch nach der Machtübergabe an die Nazis spielten Korporierte eine Schlüsselrolle in allen Bereichen der Gesellschaft. Das braune Karrierenetzwerk funktionierte im Faschismus so gut wie immer. Prominente Kriegsverbrecher, Arisierungsprofiteure, NS-Spitzenpolitiker und Konzernchefs, die Zwangsarbeiter*innen ausbeuteten: In all diesen Funktionen waren zahllose Mitglieder von Studentenverbindungen vertreten – und blieben es auch später. Die Uniformen und Parteibücher wechselten, das Personal blieb. Die sog. Entnazifizierung bedeutete nur eine systematische Entschuldung und Freisprechung von Täter*innen. Das galt in der Gesamtgesellschaft, aber erst recht in den Verbindungen: Die „Bundesbrüder“ stellten einander Persilscheine aus, vertuschten die Verbrechen und halfen einander dabei, die Karriere ohne allzu großen Knick oder sogar noch weit erfolgreicher fortzusetzen. Kein Wunder also, dass die US-Armee nach der Befreiung die Studentenverbindungen als nazistisch einstufte und verbot: „All National Socialist organizations in universities are abolished and not be permitted to be revived. The revival of other student organizations (especially Verbindungen, Burschenschaften, Korporationen, and their Altherrenbuende) of all nationalistic, reactionary or para-military character will not be permitted.“ Doch mit der Gründung de Bundesrepublik wurden auch die rechten studentischen Netzwerke wieder zugelassen, erlebten eine Renaissance und konnten führende Funktionen in allen gesellschaftlichen Bereichen besetzen.
Und nicht nur die Seilschaften der Männerbünde dauerten an, sondern auch der in ihrem Selbstverständnis verwurzelte Nationalismus, Militarismus, Rassismus, Antisemitismus und Antifeminismus. Die Verbindungshäuser stellen bis heute einen Hort reaktionären Gedankenguts dar, wenn auch mit starken Abstufungen. Auch wenn offen rechte Ideologie nicht überall Standard ist, bestehen enge freundschaftliche Kontakte zu unverhohlen rassistischen und faschistischen Korporationen. Und eine kritische Aufarbeitung der eigenen braunen Geschichte ist auch bei denen, die sich einen liberalen Anstrich geben, komplette Fehlanzeige.
Diese braunen Kontinuitäten und Vernetzungen dürfen nicht ignoriert werden. Wenn wir der allgemeinen Rechtsentwicklung entgegentreten, dürfen wir deshalb auch die Verbindungen nicht außer Acht lassen, in denen das rechte Gedankengut weiter gedeiht.
Unsere Leitlinie als VVN-BdA ist dabei der Schwur von Buchenwald:
„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig.“
Dieses Versprechen müssen wir einlösen.
Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

