Rede bei der Kundgebung am Frauenkampftag (English version of the speech below)

Bereits von 11 bis 17 Uhr hatte es am 8. März 2021 auf dem Uniplatz eine kleine Kundgebung mit Infoständen gegeben, auf denen Flyer, Broschüren und Zeitungen zu feministischen Themen auslagen. Am späten Nachmittag füllte sich der Platz mit mehreren hundert Aktivist*innen, und um 17 Uhr begann die zweistündige Hauptkundgebung, die wie der ganze Aktionstag unter dem Motto „Die Krise steckt im System – Zusammen gegen Kapitalismus und Patriarchat!“ stand. Redebeiträge verschiedener Gruppen, die sich an der Vorbereitung im Rahmen des Frauenkampftagsbündnisses beteiligt hatten oder das Projekt unterstützten, fokussierten sich auf verschiedene Aspekte patriarchaler Unterdrückung und formulierten lautstark ihre Forderungen.
Die AIHD/iL war ebenfalls mit einem Redebeitrag vertreten:

Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freundinnen und Freunde!

An diesem Frauenkampftag inmitten der Pandemie können wir zwei Fragen stellen: Wie wirkt sich Corona auf die Situation von Frauen aus, aber auch, was kann uns der Feminismus über den Umgang mit dem Virus sagen?
Schon in den ersten Monaten der Pandemie war aus verschiedenen Richtungen zu hören, dass Krisen existierende Ungleichheiten verschärfen – so auch die zwischen Frauen und Männern. Ich könnte jetzt eine Vielzahl an erschreckenden Statistiken anführen, die belegen, dass Benachteiligungen und Gefährdungen, denen Frauen schon vor der Pandemie ausgesetzt waren, sich noch verstärkt haben. Denn Hinweise auf und Untersuchungen von diesem Phänomen sind überraschend zahlreich. Das ist erst einmal ein gutes Zeichen.
Unter anderem wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Fälle häuslicher und sexueller Gewalt global ansteigen. Es ist äußerst wichtig, auf diese Fakten aufmerksam zu machen und kurzfristige Lösungen zu finden, wie beispielsweise die Bereitstellung einer höheren Anzahl an Notrufnummern und Schlafplätzen für vor Gewalt fliehenden Frauen und Mädchen. Dass auf diese Entwicklung schon zu einem frühen Zeitpunkt der Pandemie aufmerksam gemacht wurde, spricht für zumindest gewisse Erfolge des Versuchs, Gewalt gegen Frauen zu einer anerkannten Problematik zu machen.
Für uns reicht es jedoch bei Weitem nicht aus, lediglich darauf hinzuweisen, die Krise verschlimmere schon immer dagewesene Ungleichheiten. Phänomene wie häusliche Gewalt erscheinen so in der Form einer Naturgewalt, vor der sich schlicht in Schutz gebracht werden muss. Aber die „Schwachen“ der Gesellschaft haben nicht einfach Pech gehabt, dass jetzt auch noch eine globale Gesundheitskrise ihre Benachteiligung schwerer wiegen lässt. Häusliche Gewalt ist kein Virus, der im Gegensatz zu Corona zuhause eine Gefahr darstellt. Es sind strukturelle Gründe, die bestimmen, auf wen die Probleme der Pandemie abgewälzt werden.
Seit Beginn der Pandemie sind Maßnahmen gegen das Virus vor allem auf das Privatleben gerichtet, in Form von Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren. Anstatt dabei von einer automatischen Verschärfung bestehender Ungleichheiten auszugehen, muss gefragt werden, auf welcher Basis diese Strategie zur Bekämpfung der Pandemie legitim erscheint, und ob ein ganz anderer Umgang möglich wäre, wenn der Schutz von unterdrückten und benachteiligten Gruppen, nicht wirtschaftlicher Erfolg im Fokus der Politik stünde.
Die den Maßnahmen zugrundeliegende Logik ist eine von kapitalistischen und patriarchalen Werten getragene Trennung von Privatsphäre und Öffentlichkeit, die sich in der Pandemie anbietet, um Verpflichtungen und Einschränkungen auf das Individuum abzuwälzen, anstatt sich um eine solidarische Lösung zu kümmern.
Dazu gehört nicht nur die Inkaufnahme der Gefährdung von Frauen und Kindern durch häusliche und sexuelle Gewalt, sondern auch die Belastung durch zusätzlich anfallende Sorge- und Hausarbeit, wenn Schulen und Kitas geschlossen bleiben. Wir können hierzu viel vom Aktivismus der uns vorangegangenen Frauen lernen, die schon seit den 60er Jahren die Unterdrückung von Frauen in der privaten Sphäre der Ehe, der Familie, der Beziehung verorteten. Nach den seitdem vergangenen Jahrzehnten, geprägt vom Neoliberalismus und dem Backlash gegen vor allem radikale Formen des Feminismus, stehen wir heute vor denselben Problemen. Genau die Strukturen, die Feministinnen damals kritisierten, tragen heute dazu bei, dass Frauen in der Pandemie häuslicher Gewalt ausgesetzt sind und ein erhöhtes Maß an Sorgearbeit leisten müssen. Die Logik der Maßnahmen gegen das Virus wird gestützt durch die noch immer natürlich erscheinende Trennung von Privatleben und Öffentlichkeit, persönlichen und sozialen Problemen, individuellen Angelegenheiten und strukturellen Phänomenen.
Diese Sichtweise zeigt uns, dass es kein Automatismus ist, wenn die Lage von Frauen und Mädchen sich in der Pandemie verschlechtert. Die Sorgearbeit, die Frauen leisten, ist keine Selbstverständlichkeit, und häusliche Gewalt ist kein depersonifiziertes Virus, das in Krisenzeiten besonders gefährlich wird. Es ist patriarchale Unterdrückung, die Frauen und Mädchen bedroht, es sind Männer, die diese Gewalt ausüben, und kapitalistische Zustände, die auf der Ausbeutung unbezahlter Hausarbeit aufgebaut sind.
Was wir also brauchen, sind nicht noch mehr Zahlen, die die kritische Lage von Frauen bezeugen. Wir brauchen eine Analyse ihrer strukturellen Unterdrückung, die zeigt, warum sich diese unter Pandemiebedingungen verschärft. Und wir brauchen eine feministische Bewegung, in der wir gemeinsam auf die Überwindung des Patriarchats in all seinen Formen hinarbeiten, und zwar antikapitalistisch, internationalistisch, antirassistisch und unbedingt solidarisch!

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Speech of Antifaschistische Initiative Heidelberg/Interventionistische Linke (AIHD/iL)

Dear comrades, dear friends!
On this international women’s day in the middle of the pandemic we can ask two questions: How does Covid affect the situation of women, but also: what lessons can feminism teach us about how to cope with the virus?
In the first months of the pandemic, there were already many voices calling out the exacerbation of existing inequalities, including those between women and men, by the crises. I could now cite a multitude of shocking statistics that show that the disadvantages and threats that women faced before the pandemic have been aggravated. Indeed, studies and evidence for this phenomenon are surprisingly numerous. As such, this is a good sign.
Among other things, it has been pointed out repeatedly that cases of domestic and sexual violence are on the rise globally. It is extremely important to draw attention to these facts and to find short-term solutions, such as the provision of more emergency numbers and sleeping places for women and girls fleeing violence. The fact that there was a certain awareness of this development at an early stage of the pandemic indicates at least some success of the attempt to make violence against women a recognized problem.
For us, however, it is far from sufficient to simply point out that the crisis exacerbates inequalities that have always existed. This makes phenomena such as domestic violence appear as a force of nature that people can only seek shelter from. But the „weak“ in society are not simply unlucky that their disadvantages are made even worse by a global health crisis. Domestic violence is not like a virus that, unlike Covid, is a danger in our homes. Structural reasons determine who has to carry the burden.
Since the beginning of the pandemic, measures against the virus have been directed primarily at our private life, in the form of contact restrictions and curfews. Instead of assuming an automatic aggravation of existing inequalities, it is necessary to ask on what basis this strategy of fighting the pandemic seems legitimate, and whether a completely different approach would be possible if the protection of oppressed and disadvantaged groups, not economic success were the focus of policies.
The underlying logic of the measures is a division between the private and the public sphere that is based on capitalist and patriarchal values. This division is used in the pandemic to shift obligations and restrictions to the individual instead of working on a solution based on solidarity. This includes not only the acceptance of the endangerment of women and children through domestic and sexual violence, but also the strain of additional care work and domestic work when schools and day-cares are closed.
We can learn a lot from the activism of the women who preceded us, who, already in the 1960s, located the oppression of women in the private sphere of marriage, the family and private relationships. After the decades that have passed since then, characterised by neoliberalism and the backlash against radical forms of feminism, we are facing the same problems today. The very structures that feminists criticised back then now contribute to the violence that is exerted on women in the pandemic and to the increased burden of care work. The logic of the measures against the virus is supported by the still natural seeming separation of private and public life, personal and social problems, individual issues and structural phenomena.
This perspective shows us that it is not an automatism that the situation of women and girls worsens in the pandemic. The care work that women do is not something to be taken for granted, and domestic violence is not an unpersonal virus that becomes particularly dangerous in times of crisis. It is patriarchal oppression that threatens women and girls, it is men who perpetrate this violence, and it is capitalist structures that are built on the exploitation of unpaid domestic labour. So what we need is not more statistics that testify to the critical situation of women. We need an analysis of their structural oppression that shows why the oppression is exacerbated in the pandemic. And we need a feminist movement, in which we work together to overcome the patriarchy in all its forms. And we have to do this in a way that is anti-capitalist, internationalist, anti-racist and unconditionally in solidarity!